Montag , 21. September 2020
Lilot Hegi präsentiert ihr Gemälde „Erzählungen“. (Foto: ff)

Kämpfen, kauern, trauern

Dahlenburg. Kalt, nass, windig: Der November gilt nicht unbedingt als der beliebteste Monat des Jahres. Er steht für das Ende des schönen H erbstes und für den Ausblick auf eine dunkle Zeit. Und so lässt der Ausstellungs-Titel „novembrig“ des Kunstvereins Region Dahlenburg eine eher düstere Angelegenheit vermuten. Das stimmt, und auch wieder nicht. Lilot Hegi, Schweizer Künstlerin und Bühnenbildnerin, behandelt Themen wie Verlassen, Vergehen und Sterben, dennoch brauchen ihre Arbeiten keinen Trauerrand.

Lilot Hegi spricht von leeren Häusern, von Flucht, wenn sie ihre Bilder beschreibt, und von Erzählungen des flüchtigen Lebens. Ein Zyklus von kleinformatigen Kohlezeichnungen umreißt „in lächerlichen neun Bildern eine Lebensgeschichte von 50 Jahren Freundschaft“. Anderswo hat die Schweizerin Gedichte von Anna Maria Bacher zu Leporellos mit jeweils sechs Bildern verarbeitet – Gedichte in Walliserdeutsch, ein Dialekt der Deutschschweizer im Kanton Wallis. Ein (ins Hochdeutsche überrtagenes) Beispiel: „Man kann nicht die Nacht im Herzen bewahren, wenn oben auf dem Berg der Mond tanzt auf silbernen Füßen.“ Ein Verlust der Erinnerung also. Anderswo schildert ein Gemälde („Reise“) den Verlust einer Perspektive, einer Hoffnung: Eisenbahngleise enden im Nichts, sie werden zu Zäunen, Hegi denkt da an Flüchtlinge, deren Weg in eine Sackgasse führt, gibt aber keinen Blickwinkel vor, „man kann als Betrachter in das Bild auch alles Andere hineinlesen“. Noch ein Zitat, diesmal aus einem Gedicht von Thomas Brasch: „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“.

Austellung bis 17. November geöffnet

Es gibt zwei großformatige Arbeiten, die Künstlerin denkt als Bühnenbildnerin – vom Entwurf bis zur Ausführung – in verschiedenen Maßstäben zugleich, arbeitete an Wandbildern und raumfüllenden Installationen. Das Bühnenbild ist für die Künstlerin ebenfalls eine Metapher für Verlust und Verlassen, jeden Abend, nach der Vorstellung, verwaist der bespielte Raum. Kleine Skulpturen aus gebranntem und lasiertem Ton runden die Dahlenburger Präsentation ab – Menschen in prägnanten Haltungen, als Kämpfende, Trauernde, Kauernde.

Lilot Hegi, 1947 in der Ostschweiz geboren, in St. Gallen aufgewachsen, studierte Pädagogik, Literatur, Philosophie und Theaterwissenschaften in Zürich. Anschließend absolvierte sie eine Ausbildung zur Bühnenbildnerin an der Hochschule der Künste Berlin. Seit 1979 arbeitet sie als Bühnen- und Kostümbildnerin, unter anderem als Ausstattungsleiterin am Schauspielhaus Hamburg, am Thalia Theater, in Berlin am Deutschen Theater, inszenierte in Bern auch selbst, natürlich in der eigenen Ausstattung. Lehraufträge und Gastprofessuren führten sie nach Karlsruhe und wiederum nach Berlin.

Die Ausstellung ist bis 17. November (sbd./so. 14 bis 18 Uhr) geöffnet.

Von Frank Füllgrabe