Samstag , 19. September 2020
Kolorierte Xylographie (Paris, 1880) von Philippe Benoist (1813-1905), zu sehen ist Reval mit der Olai-Kirche. Foto: ff

Blütezeit der Stadtansichten

Lüneburg. „La veduta“ ist italienisch und heißt auf Deutsch „der Ausblick“. Dieser Begriff hat sich in der bildenden Kunst etabliert. Die Vedute bezeichnet ein Gemälde oder eine Grafik, die einen Ort möglichst präzise in ihren Einzelheiten schildert, zugleich einen guten Eindruck von der Gesamtansicht vermittelt, von dem Ausblick eben. Das kann ein einzelnes Haus sein, eine Straßenszene oder eine ganze Stadt, eingebettet in die Landschaft. Beispiele zeigt die Ausstellung „Baltische Stadtansichten – Veduten aus der Sammlung Wolf-Paul Wulffius“ im Ostpreußischen Landesmuseum.

Das hundertjährige Jubiläum der poilitischen Unabhängigkeit der drei baltischen Republiken rückt auch ihr kulturelles europäisches Erbe in den Fokus, hier geht es nun um architektonische Glanzlichter. Das Ostpreußenmuseum mit seiner Deutschbaltischen Abteilung präsentiert bis 26. Januar in einer Kabinett-Ausstellung 41 alte Stadtansichten, vor allem aus der estnischen Hauptstadt Tallinn (früher Reval), der lettischen Hauptstadt Riga, aus Lüneburgs Partnerstadt Tartu (Estland, früher Dorpat) und Narva (Estland).

Kostbare historische Dokumente

Die Blütezeit der Stadtansichten – heute könnte man sie als typische Postkartenansichten bezeichnen – wurde im 17. Jahrhundert erreicht, als der Buchdruck hohe Herstellungszahlen und damit auch weite Verbreitung ermöglichte. Neben dem Holzschnitt sind die klassischen Drucktechniken Kupferstich Stahlstich, Xylographie (also: Holzstich) und Lithographie in der Kabinett-Ausstellung vertreten. Beeindruckend ist die Präzision, in der die Künstler (die sich selbst oft keineswegs als solche verstanden) mit feiner Nadel die Feinheiten von Fassade und Pflaster in die Druckplatte ritzten.

Heute gelten solche Veduten auch als kostbare historische Dokumente, in diesem Fall als wertvolle Bildquellen zum Verständnis der wechselvollen Geschichte dieser Orte. Städtebücher wie etwa die „Civitates orbis terrarum“ von Georg Braun und Frans Hogenberg (ab 1572) sowie die Publikationen von Matthäus Merian dem Älteren und seiner Söhne erlangten weitreichende Bedeutung. Die im Museum gezeigten Exponate der – in sechs Jahrzehnten zusammengetragenen – Sammlung von Wolf-Paul Wulffius aus Reval/Tallinn erstrecken sich über den Zeitraum 1550 bis 1900. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Vedute in ihrer Bedeutung von der Fotografie abgelöst.

Workshop für Kinder

Zur Ausstellung erscheint ein 72-seitiger Begleitband im Husum Verlag, erhältlich im Buchhandel, natürlich auch im Museum. Außerdem gibt es ein Rahmenprogramm:

  • „Wir malen unsere Stadt“, 14. bis 18. Oktober, Workshop für Kinder von neun bis zwölf Jahren, Infos und Anmeldung unter fuehrungen@ol-lg.de oder 04131-759950.
  • „Stadtansichten aus Lüneburg und Dorpat/Tartu – Partnerstädte im Vergleich“, Vortrag von Dr. Eckhard Jäger, Mittwoch, 13. November, 18.30 Uhr.
  • „Neue Interpretationen einer alten Kunst“, Druck-Graphik-Werkstatt mit modernen Materialien in grafischer Hochdruck-Technik unter Anleitung von Elena Steinke, 23. und 24. November, Anmeldung (wie oben) erforderlich.

Von Frank Füllgrabe