Gestern war Haupt-Aufbautag: Sandra Hilleckes hat ihre Bilder aufgereiht und wird sie gleich mit Jule von Hertell an die Wand bringen. (Foto: oc)

Raus aus der Komfortzone

Lüneburg. Wir leben doch alle in ziemlich festgefügten Bahnen. Man hat sich eingerichtet in der Komfortzone und in seiner Rolle. Da setzen Sandra Hilleckes und Jule von Hertell an, wenigstens ein Wochenende lang. „Ausloten“ nennen sie ihre Ausstellung, die als Pop-Up-Galerie am Freitag Abend eröffnet worden ist und am Sonntag um 17 Uhr wieder zugeklappt wird – in der Rosenstraße 6, wo es zuvor um Brautmoden ging. Nun werden in Bild und Film Themen wie Wahrnehmung, Selbstverständnis und Rollenbilder befragt

Sandra Hilleckes, 1973 geboren, setzt in ihren Bildern eine eindringliche Serie fort, die sie schon im Kulturforum zeigte. Der Aufbau bleibt gleich. Im Hintergrund leuchtet eine Wand voller Scheinwerfer eine weite Fläche aus. Das Licht mögen lauter kleine Sonnen sein, besser wohl Scheinwerfer eines Theaters oder sogar das Ausleuchten eines Raums, der überwacht sein soll. Der Raum vor der Lichterwand ist plan und weit und schimmert eisblau. Auf der Fläche stehen und hocken einzelne Menschen, als seien sie aus ihrem vertrauten Kontext gerissen und damit aus ihrer Sicherheitszone. Es bleibt offen, ob sie auf der ungewohnten Bühne verunsichert sind, ob sie Angst haben, ob sie sich in der ungewohnten Situation einrichten. Der Hirsch allerdings, der aus einem der Bilder zu den Betrachtern schaut, wirkt vergleichsweise gelassen.

Eine Kammer mit Kinosessel

In den hinteren Bereich der Ladenfläche baut Jule von Hertell, 1980 geboren, eine Kammer mit Kinosessel und kleinem Bildschirm. Ihr geht es wie Hilleckes darum, das Gewohnte, Denkmuster und mutmaßliche Realität zu befragen. Hertell dreht experimentelle Dokumentarfilme, ihr Ansatz ist kritisch. Der etwa halbstündige Film „Die Maximalschranke“ greift einen Begriff von Karl Marx auf. Darin geht es um die begrenzten Ressourcen, die dem Menschen zum Arbeiten bleiben. Er braucht Nahrung, Pflege – und Schlaf. „Ist der Schlaf im Meer der kapitalistischen Verwertungslogik eine Insel?“, fragt von Hertell. Der Film läuft auch im Backstein-Gewölbe des Ladens, in das die Künstlerin eine Art Schlafwelt baut, fern von allen Zwängen.

Im ersten Stock zeigt von Hertell die kürzere Arbeit „Ich möchte lieber Vater werden“. Sie umkreist das Thema Vaterschaft und die damit zusammenhängende Mann-Frau-Rollenzuschreibung – vor allem in der Kunstszene.

„Ausloten“ wird mit einem Beitrag von Lucja Wojdak (Cello) und Paula Coulin (Sprache) eröffnet. Sonnabend, 28. September, ist von 11 bis 19 Uhr geöffnet, um 19 Uhr bietet die Lüneburger DISFU-Gruppe eine Lesung aus ihrem Buch „All you can read“. Sonntag, 29. September, öffnet die Ausstellung von 11 bis 17 Uhr.

Von Hans-Martin Koch