Samstag , 19. September 2020
Leandro Marziotte singt die Partien des Orpheus, der in die Unterwelt hinabsteigt. Foto: ff

Die Stimme gegen Dämonen

Lüneburg. Orpheus ist in die Unterwelt der Götter hinabgestiegen, um seine verstorbene Frau Eurydike wieder zurück zu den Lebenden zu holen. Tatsächlich gelingt es ihm, die Furien dieser finsteren Welt zu besänftigen, die Dämonen sind verzaubert von seinem Gesang. Es ist keine tiefe Reckenstimme, für seine Oper „Orpheus und Euridike“ hat Christoph Willibald Gluck die Partien des Helden in Alt-Lage notiert. Bei der Uraufführung sang ein Kastrat, später wurde die Rolle mit Altistinnen besetzt. Bei der Premiere in Lüneburg steht ein Mann als Orpheus auf der Bühne: Countertenor Leandro Marziotte.

Bis hinauf in die Sopranlage

Wenn Leandro Marziotte singt, dann meint man zunächst, eine schöne, warme Frauenstimme zu hören. Als Countertenor, manchmal auch als Altus, wird ein Mann bezeichnet, der mit Hilfe einer durch Brustresonanz verstärkten Kopfstimmen-Technik singt, manche schaffen es sogar bis hinauf in die Sopranlage. Eine Kastratenstimme ist damit nicht zu vergleichen.

Leandro Marziotte, 1984 in einer kleinen Stadt in Uruguay geboren, eroberte sich mit 19 Jahren die hohe Stimmlage; er zog nach Montevideo, aber Lehrer für Countertenor waren auch in der Hauptstadt nicht zu finden. Also wechselte der junge Künstler nach Europa und hatte schnell Erfolg. Er gewann beim Internationalen Händel Wettbewerb den ersten Preis als Countertenor-Solist mit dem Ensemble Radio Antiqua, war Finalist beim ersten Internationalen Countertenor Wettbewerb in Lugano. Seinen Master absolvierte er im Barockstil am Royal Conservatoire in Den Haag, machte am Straßburger Konservatorium den Bachelor und das Diplom im lyrischen Singstil. Im Jahre 2013 gründete er das Ensemble Cantus Luscinia für frühzeitliche Musik. Das Ensemble widmet sich vor allem der italienischen, spanischen und latein-amerikanischen Barockmusik.

Inszenierung von Ballett-Chef Olaf Schmidt

Countertenöre sind eine seltene, gesuchte Spezies, aber es gibt auch nicht allzu viele angemessene Rollen. Leandro Marziotte sang beispielsweise die Titelrolle in Händels „Orlando“, die Zauberin in Purcells „Dido und Aeneas“, den Oberon in Benjamin Brittens „Mittsommernachtstraum“. Und als ausgebildeter Sänger kehrt er nun auch nach Lateinamerika zurück, nach Montevideo, um den Orfeo zu singen. Weiter geht es nach Buenos Aires, Rio de Janeiro, Sao Paulo, Bogota und und Mexico City.

Aber jetzt ist der Orpheus in Lüneburg dran, in der Inszenierung von Ballett-Chef Olaf Schmidt, der Leandro Marziotte auch ein bisschen Bewegung in seiner Truppe abverlangt. „I am not a tree“, lächelt Marziotte, er wird also nicht wie angewurzelt auf der Bühne stehen. Dazu sind Opern- und der Extra-Chor des Theaters im Einsatz.

Der Mythos vom Sänger Orpheus, der durch seinen Gesang selbst die Dämonen der Unterwelt bezaubert, ist wie kaum ein anderer geeignet für die Opernbühne. Kein Zufall, dass dieser Mythos, der von der Macht der Musik erzählt, um 1600 in der Geburtsstunde der Oper begegnet. Als über 150 Jahre später Christoph Willibald Gluck und sein Librettist Ranieri de‘ Calzabigi eine Oper schufen, die die Gattung reformieren sollte, suchten auch sie sich die mythische Geschichte vom Sänger Orpheus. Glucks Musiksprache beeindruckt vor allem durch ihre Schlichtheit, die zugleich – Liebe, Verlust, Trauer, Hoffnung und Vertrauen – hochemotional ist.

Götter und andere Helden

„Orpheus und Eurydike“ feiern am Sonnabend, 21. September, am Theater Lüneburg Premiere. Marziotte und Franka Kraneis (Eurydike) sind außerdem bereits am Sonnabend, 14. September, um 20 Uhr bei dem Theaterkonzert „Götter und andere Helden?“ im Fürstensaal des Rathauses zu erleben. Dort singen die beiden Bravour-Arien und Werke aus der Blütezeit des Barock. Am Sonntag, 15. September, 11 Uhr, folgt eine kostenlose Opern-Einführungs-Matinee im Großen Haus.

Von Frank Füllgrabe