Horst Haitzinger vor einer seiner phantastischen Landschaften, die er nun in der Kulturbäckerei zeigen wird. Foto: oc

Die andere Seite des Karikaturisten

Öd/Lüneburg. Schrobenhausen, kein Problem. Weiter nach Sandizell, auch kein Problem. Aber nun die letzten Kilometer nach Öd? Da schweigt das Navi. Ein freundlicher Heckenstutzer hilft: „Koa Problem, nehmens de kloane Straßn vorn.“ Öd, gut 100 Kilometer von München rauf ins flache Oberbayern, zählt etwa drei Häuser, eines bewohnen Ilse und Horst Haitzinger. Tee und Kuchen stehen bereit und im Atelier nebenan Kunst. Verblüffende Gemälde eines Mannes, der in seinem Leben 16.000 Karikaturen schuf.

Surrealistische Landschaften

Horst Haitzinger, in diesem Jahr 80 Jahre geworden und vielfach geehrt, ist einer der bedeutendsten Karikaturisten im Land. 1958 hatte er seine erste Zeichnung im Simplicissimus veröffentlicht, bald folgten Zeitungen und Illustrierte, der Spiegel holte Haitzinger-Motive wiederholt auf den Titel. Adenauer und Kohl, Brandt und Strauß, Schröder und Merkel: Haitzinger, Österreicher und Wahl-Münchner, hat ihnen allen Tag um Tag Kontur gegeben, mit schnellem, schwungvollen Strich: Er hat sie ins Bett gelegt, in eine Arche verfrachtet, auf Wolke 7 gehoben und mit dem Deibel tanzen lassen.

Die Karikaturen fließen ihm in einem kleinen Münchner Arbeitszimmer aus den Fingern. Draußen in Öd ist alles anders. „Ich bin Sonntagsmaler“, sagt Haitzinger. Er hatte vier Jahre Gebrauchsgrafik in Linz studiert, zwölf Semester Malerei und Grafik in München. Er malte surrealistische Landschaften, bis er sich 1968 ganz der gezeichneten, getuschten und aquarellierten Karikatur zuwandte. Die Kunst kam 2001 zurück, dafür brauchte es einen Ort weit von München.

Knorrige Bäume mit Felsen

In Öd entstehen seither in minutiöser, detailverliebter und malerisch perfektionierter Technik großformatige, phantastische, symbolbefrachtete, aber sinnoffene Welten. Es können zwei Jahre vergehen, bis sich die Natur um Ruinen rankt, Türme sich in schwindelnde Höhen strecken, eine Arche strandet, knorrige Bäume mit Felsen, Palästen, Himmel und Meer eins werden. Haitzingers Gemälde entstehen langsam, es mögen bisher 15 zusammengekommen sein.

Diese Bilder haben so gar nichts mit zeitgenössischer Kunst zu tun, eher schon mit fantastischen Tolkien-Welten und noch weit mehr mit der Kunstgeschichte, in der sich Haitzinger bestens auskennt. Er schöpft aus Renaissance, Romantik, Historismus, bleibt immer dem Gegenständlichen verpflichtet. Haitzinger hat zu einzelnen Künstlern und Strömungen klare Haltungen – „wie man aber Kunst definiert, das wüsste ich nicht zu sagen.“

Bruegels Babel und Friedrichs Kreidefelsen

Zitat und Kopie gehören zu seinem Bildschaffen. Bruegels Babel hat Haitzinger durch und durch studiert, er kopiert die Vorlage und weitet sie aus. Der Hirtenjunge des Schrobenhauseners Franz von Lenbach ruht auf einem idyllischen und doch fragilen Erdenrund. Und Caspar David Friedrichs Kreidefelsen leuchtet ein wenig versteckt in einer der naturbegeisterten Haitzinger-Welten – samt Gedenkstein für C.D.F.

Der malerische Prozess interessiert Haitzinger mindestens so wie die Motive seiner überbordenden, aus der Zeit fallenden Fantasy-Welten. Er kann sich begeistern, wie beim Franzosen Fragonard Baum- in Wolkenlandschaften übergehen, wie Rubens im „Höllensturz“ ein „geordnetes Chaos“ komponierte, und bei Bruegels Babel ging er im Museum wiederholt so dicht heran, dass die Alarmanlange ansprang. Farbharmonie, Licht und Schatten, Perspektiven, Blickachsen, alles arbeitet Haitzinger geradezu penibel aus. „Im Detail wird es bunt“, sagt er und auch mal humorig. Menschen, die Lust haben, mit den Augen durch Bilder zu reisen, werden ihr Vergnügen haben.

Eine Frau namens Europa

Der Karikaturist Haitzinger hört zum Jahresende auf. „Meine Metaphernwelt ist nicht die von heute. Ich habe die Bibel-, Balladen-, Märchen- und Mythenwelt dekliniert.“ Eine Frau namens Europa auf einem Stier, das legen Betrachter eher als Sexismus aus, als dass sie um den dahinterstehenden Mythos wissen. Und noch etwas kommt hinzu: „Ich bin froh, keine Meinung mehr haben zu müssen.“

Das Malen, das Komponieren von Bildern über die „Geborgenheit in der Unheimlichkeit“ geht weiter. Drei Jahre zögerte Horst Haitzinger, seine Bilder überhaupt erst einmal seinen Freunden zu zeigen. „Ich habe nie auf Publikumserfolg spekuliert.“ Dass seine Malerei vor Kunstrichtern aktueller Kunst nicht bestehen kann, interessiert ihn nicht. Stattdessen sagt er: „Wenn ich mich dem Schönen, Wahren, Guten zuordne, wäre ich eine Lachnummer. Aber: Genau das ist es!“

Unverkäuflich sind Horst Haitzingers Gemälde bis heute, werden aber mittlerweile häufig gezeigt. Zum ersten Mal sind sie nun alle in einer Ausstellung zu sehen: Die Kunsthalle der KulturBäckerei zeigt sie von Sonntag, 15. September, 11.30 Uhr bis zum 20. Oktober.

Von Hans-Martin Koch