Samstag , 26. September 2020
Daniela Krien kommt nach Lüneburg. Foto: Maurice Haas

Durch den eigenen Schatten

Lüneburg. Die LiteraTour Nord geht in eine neue Runde. Neue Namen, vertrauter Ablauf: Sechs deutschsprachige Autor(inn)en werden von verschiedenen Kultureinric htungen im norddeutschen Raum eingeladen, ihre aktuellen Bücher vorzustellen. Der überzeugendste Teilnehmer gewinnt den mit 15 000 Euro Tour-Preis, über dessen Vergabe – in Grenzen – auch das Publikum mit entscheidet. Begleitend zu den Lesungen bieten die Professorinnen und Professoren, die auch die Lesungen moderieren, dazu reguläre Veranstaltungen an ihren Hochschulen an.

Die VGH-Stiftung fördert die LiteraTour Nord seit 2006, sie stiftet den Preis. Die Tour startet immer am Sonntagvormittag in Oldenburg, führt am selben Abend nach Bremen und an den folgenden vier Tagen nach Lübeck, Rostock, Lüneburg und Hannover. Das Lüneburger Programm, alle Lesungen beginnen um 19.30 Uhr im Heine-Haus:

Norbert Scheuer , „Winterbienen“: Mittwoch, 23. Oktober. Januar 1944: Egidius Arimond, ein frühzeitig entlassener Latein- und Geschichtslehrer, schwebt in Gefahr, vor allem wegen seiner waghalsigen Versuche, Juden in präparierten Bienenstöcken ins besetzte Belgien zu retten. Gleichzeitig kreisen über der Eifel britische und amerikanische Bomber. Arimonds Situation wird nahezu ausweglos, als er ein Verhältnis mit der Frau des Kreisleiters beginnt und schließlich bei der Gestapo denunziert wird.

Isabel Fargo Cole , „Das Gift der Biene“: Mittwoch, 13. November. Die junge Amerikanerin Christina erreicht Mitte der 90er Ostberlin – für sie eine lange verborgene Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten, deren Geheimnisse sie unbedingt ergründen will. Sie zieht in ein ehemals besetztes Haus, wo sie abends mit den früheren Hausbesetzern im Salon der Lebenskünstlerin Meta zusammensitzt und über die Abgründe des Kapitalismus diskutiert. Für Christina ist die Hausgemeinschaft die Verwirklichung einer sozialistischen Utopie. Diese gerät jedoch ins Wanken, als die Malerin Vera Grünberg im obersten Stock einzieht.

Albrecht Selge : „Fliegen“: Mittwoch, 27. November. Eine Frau auf unendlicher Reise. Sie lebt im Zug, in Großraumabteilen, in ICEs. Früher hatte sie ein normales Leben: Wohnung, Beruf, Mann, beste Freundin. Jetzt hat sie eine Bahncard 100, eine Tasche mit dem Nötigsten und lebt vom Flaschensammeln. Und doch scheint diese Außenseiterin hellsichtig. Für die Komödien und Tragödien um sie herum, für ein Deutschland ohne Orientierung. Doch bei allem Ernst bleibt dieser Roman leicht und überraschend.

Karen Köhler , „Miroloi“: Mittwoch, 11. Dezember. Ein Dorf, eine Insel, eine ganze Welt: Karen Köhlers erster Roman erzählt von einer jungen Frau, die als Findelkind in einer abgeschirmten Gesellschaft aufwächst. Hier haben Männer das Sagen, dürfen Frauen nicht lesen, lasten Tradition und heilige Gesetze auf allem. Was passiert, wenn man sich in einem solchen Dorf als Außenseiterin gegen alle Regeln stellt, heimlich lesen lernt, sich verliebt? Mit Hingabe, Neugier und Wut auf die Verhältnisse erzählt „Miroloi“ von einer jungen Frau, die sich auflehnt: Gegen die Strukturen ihrer Welt und für Freiheit.

Daniela Krien , „Die Liebe im Ernstfall“, Mittwoch, 8. Januar: Aufgewachsen in den Grenzen der DDR wollen sie nach der Wende alles, bekommen vieles, doch immer sticht der Stachel ihrer Rolle als Frau: Paula lernt ihren zukünftigen Mann kennen; sie heiraten und bekommen ein Kind, doch das Kind stirbt, und die Trauer scheint uferlos. Judith, eine arrivierte Ärztin, sucht über den Umweg durchs Bett den Mann zum Leben. Dann wird sie vom richtigen Mann zum falschen Zeitpunkt schwanger und treibt heimlich ab. Brida ist Schriftstellerin und hat sich aufgerieben zwischen der Liebe zu ihren Kindern und der inneren Notwendigkeit zu schreiben.

Ulrike Draesner , „Kanalschwimmer“, Mittwoch, 22. Januar. Dass er „zu sicher“ gelebt hat, begreift Charles mit Anfang 60, kurz vor seinem Ruhestand. Als seine Frau ihm eröffnet, dass ein anderer Mann fortan das Haus mit ihnen teilen soll, setzt er ihrem Traum zunächst einen eigenen entgegen: einmal im Leben durch den Ärmelkanal zu schwimmen. Das Wasser verändert Charles’ Sicht auf sein Leben: auf die Liebe in den Siebzigern, Leidenschaften, Utopien. Der Kanal ist kalt, die Strömung mächtig. Am Ende wird Charles klar, dass er nicht über seinen Schatten springen muss. Er kann ihn durchschwimmen. ff