Samstag , 8. August 2020
Erik Manouz, Claudius Tölke, Clemens Litschko und Olaf Niebuhr unterstützen Felix Meyer (Mi.) nicht nur instrumental. Foto: t&w

Wie damals in Frankreich

Lüneburg. Das erste Mal kreuzten sich ihre Wege unter der Sonne Frankreichs, als Felix Meyer als Straßenmusiker in Montpellier, „auf dem Place de la Comédie war ‘s wohl“ stand und mit Obdachlosen zusammen Musik machte. Aus der Begegnung mit dem Lüneburger Johan wuchs eine Freundschaft, die bis heute besteht. Denn „Johan schreibt tolle Lieder“, schwärmt Felix Meyer und freut sich, dass er an diesem Abend in Schröders Garten ihn und seine Band „Marvel at Elephants“ als Vorgruppe auf die Bühne bitten darf.

Doch nicht nur Johan ist aus Lüneburg, auch Elephant-Schlagzeuger Lars Plogschties und die Gitarristen Martin Dohrmann und Olaf Niebuhr leben hier an der Ilmenau. Mit sieben englischen Songs bringen sie die Zuhörer auf Touren, darunter „I can‘t come along“ oder „Misunderstand“. Olaf Niebuhr ist nach dem halbstündigen Auftritt jedoch nur eine kleine Pause gegönnt, denn er gehört auch zu Project Île, der Felix-Meyer-Band.

Die startet gleich einen Testballon und präsentiert mit „Der Mensch dem Menschen“ einen Song des neuen, 5. Albums („Die im Dunklen hört man doch“), das am 6. September erscheint. Offenbar sitzt der Text noch nicht ganz, denn ab und zu schielt er auf knitterige Zettel. Diese Offenheit und Ehrlichkeit sind es, die seine Fans so mögen. Beim „Nordwind“ aus dem Album „Zeichen der Zeit“ ist das Publikum wieder ganz bei ihm, schwenkt die Arme im Wellenrhythmus, so dass ein wohliges Wiegen im Takt durch die Reihen vor der Bühne geht. Und so genießen die Zuhörer die Wechsel zwischen bekannten und neuen Titeln.

Französisches Ambiente mit Kontrabass und Akkordeon

Ein Live-Abend mit Felix Meyer bedeutet nicht nur stimmungsvolle Chansons, der 44-Jährige versteht es auch, mit Anekdoten aus seinem Reiseleben Hintergründe zu seinen Songtexten zu liefern und zum Nachdenken anzuregen. So habe er sich schon oft gefragt, ob es nicht schöner wäre, etwas anderes zu machen. Etwas, das man morgens anfängt und am Abend fertig hat. Aber in Momenten, in denen der Liedermacher spürt, wie gut seine Musik ankommt, so wie gerade in Lüneburg, sei er doch froh, dass er sich für die Musik entschieden habe. „Es gibt ja so viele Themen, mit denen er sich dabei auseinandersetzen kann, von Liebe, Leben und Fantasie“, schwärmt er und läutet damit den nächsten Titel ein. Da allerdings verzockt sich die Band, rutscht in eine falsche Tonart, Felix hält inne, die Band sortiert sich kurz, stimmt zum Neustart an und beim „Fantasie“-Refrain „Oder so oder sie oder sonst irgendwie, es kommt darauf an, wohin mit der überschüssigen Fantasie“ ist alles längst vergessen.

Die Fünf harmonieren perfekt

Dieser deutsche Chanson-Abend verdankt sein französisches Ambiente nicht nur dem Sänger, sondern auch der Band. Ob Benjamin Albrecht am Piano oder Akkordeon, Claudius Tölke mit dem Kontrabass, Clemens Litschko an Schlagzeug und Percussion, Olaf Niebuhr an Gitarre und Banjo sowie Erik Manouz an Gitarre, Percussion und Hung – die Fünf harmonieren perfekt.

Felix Meyers Gedanken drehen sich nicht nur um Gefühle, sondern auch um Geschichte und Politik, zum Beispiel Europa, in dem es sich so gut leben lasse und um das man doch Angst haben müsse angesichts vieler Probleme und merkwürdiger Ansinnen wie der britischen Idee, ein Ministerium für Einsamkeit einzurichten.

So erzählt der Titel „Europa“ (inspiriert durch den Hamburger Rapper Max Prosa), von der Sage um die Schöne und den göttlichen Stier, der sie entführt und den sie mit der Zeit zu bändigen weiß. Ein Beispiel für Meyers sprachliches Feingefühl ist die Übersetzung von „Corrida“, einem Stück von Francis Cabrel, das vom Stierkampf aus der Sicht des Tieres erzählt, dem klar wird, dass die Arena keinen Ausgang hat.

Und dann ruft Felix Meyer die Parole Tanzen aus

In den ersten Jahren haben Felix Meyer & Co. Lieder aus aller Welt gecovert bevor sie von dem Vögelser Produzenten Peter Hoffmann (Tokio Hotel) quasi von der Straße geholt wurden, und die Karriere auf Bühnen weiterging. Da schwenkten sie auf deutsche eigene Texte um.

Munter wird’s als Felix zum Tanzen auffordert, „das hat früher bei der Straßenmusik auch immer geklappt“, und als er den Gassenhauer „Liebe, Dreck und Gewalt“ anstimmt, da wippt, hippelt und singt die 30-Plus-Generation begeistert mit. Bei den Zugaben serviert er „Kaffee ans Bett“ und obwohl der Song schon lange zurückliegt, braucht er das zur Sicherheit herbeigeholte Textbuch nicht. Vielleicht hätten sie noch länger gespielt, aber „wir müssen pünktlich um 22 Uhr Schluss machen, sonst gibt‘s Ärger mit den Bewohnern der neuen Häuser in der Nachbarschaft“, erklärt Meyer.

Dass in dem Barden mit dem lockigen Haar immer noch das Herz eines Straßenmusikers schlägt, bewies er zum Schluss, als er seine Musiker aufforderte, ihre Instrumente abzustöpseln und mit ihm in die Mitte des Platzes zu ziehen und unplugged den Abend ausklingen zu lassen, mittenmang im Publikum, in einer lauen Sommernacht, Montpellier-Feeling an der Ilmenau.

Von Dietlinde Terjung