Dienstag , 20. Oktober 2020
Charlotte Pfeifer spielt einen zwischen Überheblichkeit und Selbstzweifeln pendelnden Shakespeare. Foto: Bert Brüggemann

Shakespeares letzte Worte

Wettenbostel. Tritt der Chef vor den Vorhang, bevor das Spiel beginnt, schwant dem Publikum nichts Gutes. Thomas Matschoß vom Jahrmarkttheater muss an diesem Abend in Wettenbostel verkünden, dass sein Team nicht spielen kann: Magen-Darm, Hornissenangriff, Allergieschock und dazu eine Verbalattacke von Beatrix von Storch. Aber natürlich gibt es eine Rettung – und bald jagen sich Proben, Pleiten, Pech und Pannen in „Skakespeares letzte Worte“ auf dem Hof von Maria Krewet. „Wir können das Stück leider nicht aufführen“, heißt es nach immer neuen Anläufen.

Nach zwölf Jahren verabschiedet sich das Jahrmarkttheater mit einer charmanten, oft leisen, oft witzigen, immer musikalischen, mal albernen, mal politischen, durchweg ein wenig wehmütigen Komödie aus Wettenbostel. Das Team um Autor und Regisseur Thomas Maschoß, Ausstatterin Anja Imig und Dramaturgin Andrea Hingst will sich auf dem weitläufigen, idyllischen Gelände nicht reproduzieren, bricht auf zu etwas Neuem.

Was in Wettenbostel mit Shakespeares „Was ihr wollt“ begann, endet mit dem Dramatiker aller Dramatiker, der doch tatsächlich die vergangenen 423 Jahre auf einem Baum lebte, hier draußem im Eichenhain. Ein Teufelspakt von goetheschem Ausmaß macht es möglich.

Der Abend scheint gerettet zu sein

Der Abend scheint, wie es der Matschoß-Zufall will, gerettet, da sich das International Craftman Theatre gerade zu einem „Recreation-Weekend“ in Wettenbostel befindet. Das ICT springt ein, es spielt allerdings seit gefühlt 420 Jahren immer nur die Handwerkerszene aus dem „Sommernachtstraum“ und hat von Pyramus, Thisbe und Wand die Schnauze voll. Da fällt Shakespeare wie gerufen aus dem Himmel bzw. von der Eiche.

Charlotte Pfeifer spielt facettenreich einen zwischen Überheblichkeit und Selbstzweifeln, Zaudern und Zupacken pendelnden Shakespeare. Es ist dabei nicht so sicher, ob dieser Dichter mit dem flattrigem Bart nicht tatsächlich eine Frau ist. Es ist ja auch egal, denn wer William Shakespeare wirklich war, das liegt ohnehin im Dunkel der Geschichte.

Zwölf Tage und Nächte bleiben dem ICT nun, ein neues Stück einzustudieren, dann kommt der große Impresario, und es winkt eine Welttournee. Doch weder Liebesdrama noch Superhelden-Drama will klappen, jeder Anlauf bricht zusammen – „wir können das Stück leider nicht aufführen“.

Abschied von einer Bühne

Der Abend strotzt vor Ideen, Anspielungen, Zeitsprüngen, Zitaten bis hin zu einem vertrumpten Johnson-Höcke-Solo. Ein letztes Mal führt das Jahrmarkttheater zu den Spielorten der vergangenen zwölf Jahre, splittet es das Publikum zeitweise in Vierteilung auf, hat Markus Voigt treffende Lieder und Sounds geschrieben. Alexander Flache, Martin Greif, Kristin Norvilas, Anna Sinkemat und Kristina Wilmaser singen und spielen mit Herzblut eine Theatertruppe zwischen immer neuer Euphorie und immer neuer Ratlosigkeit. Arne Imig und Benedikt Schnitzler machen die Musik. Am Ende gibt es Standing Ovations und ein leises Lied zum Abschied.

Bis zum 24. August wird die „endgültige Komödie“ namens „Shakespeares letzte Worte“ gespielt. Dann ist Party, dann ist es vorbei. Dann enden richtig schöne Jahre im illyrischen Wettenbostel, mit großartigen, manchmal auch nicht so gelungenen, aber immer mutigen, Lust am Experiment zeigenden Produktionen an einem Ort voller Atmosphäre. Das große Stammpublikum, und nicht nur das, wird diese Abende vermissen.

Von Hans-Martin Koch