Donnerstag , 29. Oktober 2020
Kathrin Hanke tritt wieder als Solo-Autorin auf. Foto: oc

Die Frau, die Störtebeker liebt

Lüneburg. Kathrin Hanke hat schon in Dresden recherchiert, in Wismar und in Ostfriesland. Die besten Ideen aber fand und findet sie im Hamburger Polizeimuseum. Dort durchforstete sie die Akten über Elisabeth Wiese, die an einem Februarmorgen 1905 per Fallbeil hingerichtet wurde, schuldig gesprochen für den Mord an mindestens fünf Kindern. „Die Engelmacherin von St. Pauli“ heißt das Buch, in dem Kathrin Hanke den Fall zu einen Roman verwandelte. Ihr neuer Roman ist nicht so schaurig, aber die Inspiration kam wieder aus einem Museum.

Im Museum für Hamburgische Geschichte wird der – angebliche – Schädel von Klaus Störtebeker bewahrt. Störtebeker ist immer ein gutes Thema. Der Pirat, wenn es ihn denn gab, dient heute als Held von Festspielen auf Rügen und als Markenzeichen für Bier aus Stralsund. Vieles, was erzählt wird über den Piraten, vielleicht alles, ist Legende. Kathrin Hanke hat ausgiebig zum Thema recherchiert und schrieb nun eine „Legende vor der Legende“, frei erfunden unter Einbeziehung historischer Überlieferung. Im Zentrum von „Störtebekers Piratin“ steht aber nicht der Freibeuter, sondern Ava, ein Mädchen aus Ostfriesland.

Krimiserie um eine Lüneburger Kommissarin

Kathrin Hanke studierte Kulturwissenschaften in Lüneburg, arbeitete und arbeitet noch ein wenig im Agenturbereich. Vor allem aber bringt sie Bücher mit regionalem Bezug heraus. Region meint meist den Norden, aber ein Buch über die 1908 hingerichete Giftmörderin Grete Beier spielte in Sachsen. Bekannt in Lüneburg und drumherum wurde die in Hamburg lebende Autorin im Gespann mit Claudia Kröger. Gemeinsam schreiben sie eine Krimiserie um die Lüneburger Kommissarin Katharina von Hagemann. Die Reihe pausiert, ist aber nicht zu den Akten gelegt. Fall acht wird wohl folgen.

Kathrin Hanke fehlt es jenseits von Kommissarin Hagemann so gar nicht an Ideen für neue Bücher. Sie selbst liest gern Romane von Mariana Leky („Was man von hier aus sehen kann“) und Zsuzsa Bank („Schlafen werden wir später“). Sie will sich da nicht vergleichen. „Ich mache einen Unterschied zwischen Autoren und Schriftstellern. Ich will einfach eine Geschichte erzählen.“

„Eine Liebe zur Zeit der Hanse“

„Störtebekers Piratin“ in dem Roman heißt also Ava. Sie kommt in widriger Zeit und in widrigen Verhältnissen zur Welt. Ava wächst bei ihrer Großmutter auf. Als die ermordet wird, flüchtet Ava, schlägt sich durchs Land, entwickelt viel Stärke und landet in Wismar. Dort lebt der Gastwirtssohn Klaus Störtebeker. Nun beginnt etwas, das nach einem zweiten Band schreit.

„Ich hatte Lust, mal nicht nur Mord und Totschlag zum Thema zu haben, sondern wollte mir sozusagen das Leben schön schreiben“, sagt die Autorin. „Eine Liebe zur Zeit der Hanse“ lautet der Untertitel zu der denn doch nicht ohne Mord und Spannung auskommenden Geschichte. Wie alle Hanke-Bücher ist der Roman im Gmeiner Verlag erschienen.

Der Verlag sprang auch auf Kathrin Hankes jüngste Idee an. Als sie im Polizeimuseum recherchierte, saß neben ihr der Archivar. Immer wieder fielen der Autorin Fotos von Tatorten auf, die einen ganz eigenen, dunklen Charakter besitzen und viel über die dunklen Seiten der menschlichen Existenz in sich bergen. Es wird also einen Fotoband mit Tatort-Fotos geben, mit Aufnahmen von 1880 bis 1930. Schwarzweiß und schaurig – ab Mittwoch, 9. Oktober.

Von Hans-Martin Koch