Mittwoch , 30. September 2020
Erik Schmitt und Jeremy Mockridge vor dem Scala-Kino, wo sie den Film "Cleo" vorstellten. Foto: t&w

Mit Cleo die Seele einer Stadt entdecken

Lüneburg. Einfach den Schalter umlegen, den Lärm abstellen, die Wolken verschieben, der Natur ihren Lauf lassen – und aus der hektischen, lauten Großstadt ein grünes, blühendes Juwel machen. Cleo kann das, dank ihrer Fantasie, ihrer Kreativität und ihres großen Wissens über diese Stadt. „Unter jedem Stein“, sagt sie, „steckt ein Geheimnis“. Berlin – „Stadt der Mythologien, der Traditionen und der Traumata“, sagt Regisseur Erik Schmitt: „Die Stadt hat eine Seele.“ Und Cleo, die schier alles weiß über die Vergangenheit dieser Stadt, will die Zeit zurückdrehen, denn sie „will alles wiedergutmachen“. Den Lauf der Dinge so verändern, dass die Eltern nicht sterben und dass sie nicht allen Menschen Unglück bringt. Und tatsächlich gelingt es ihr, am Zahn der Zeit zu drehen, doch um welchen Preis?

Jeremy sollte eigentlich eine Nebenrolle spielen

Cleo heißt der Film von Regisseur Erik Schmitt, der am Montagabend im Scala in der Preview gezeigt wurde. Und dessen männliche Hauptrolle Paul von Jeremy Mockridge gespielt wird. Zum Glück. „Denn eigentlich sollte der Hauptdarsteller wie Jeremy Mockridge sein, nur zehn Jahre älter“, erzählt Schmitt. Gut, dass er sich für den 25-Jährigen entschieden hat, der Paul mit lakonischer Lässigkeit, mit unbekümmerter Neugier, aber auch mit fragiler Verletzlichkeit verkörpert. „Ursprünglich sollte ich einen der Brüder Sass spielen“, verrät Mockridge. Aber „die Leichtigkeit des Films“ und die „leichte, warme Farbe der Rolle des Paul“ hätten ihn von Anfang an begeistert, erzählt er vor Beginn des Films. Paul ist der Gegenpart zur spröden, unnahbaren Cleo (Marleen Lohse), die in sich und ihrer unglücklichen Vita gefangen scheint.

Um „alles wiedergutzumachen“ muss sie den Schatz der Brüder Sass finden, einem Ganovenduo, das 1929 auf spektakuläre Art eine Berliner Bank ausraubte, dabei allerdings nur die Kostbarkeiten der Reichen mitgehen ließ. Darunter auch die legendäre Uhr, mit der die Zeit zurückgedreht werden kann. Und um an diese Schatzkiste heranzukommen, müssen sich Cleo und Paul, gemeinsam mit den Gaunern Zille und Günni, in den Abgrund der Stadt graben, bis weit unter den Teufelsberg. „Die Geschichte der Stadt wird „symbolisch am Teufelsberg dargestellt“, erklärt Schmitt. Ein überaus gelungener Schauplatz, der vom NS-Größenwahn, von Zerstörung, dem Verfolgungswahn der Amerikaner, aber auch der Unbekümmertheit einer Partystadt zeugt. Und die entscheidende Wende in Cleos Leben bringt.

„Es gab zahlreiche schöne, innige Momente“

Beim Lüneburger Publikum kam der Film sehr gut an. Die schönen, bis dato oft unbekannten Bilder Berlins wurden gelobt: Wer weiß schon, dass es in Kreuzberg einen Wasserfall gibt? „Handwerklich toll gemacht“ sei der Film, dessen Zauber auch von den zahlreichen Animationen, Trickshots, Stop Motions und „Geisterwesen“ wie Einstein, Planck, Schliemann und Marlene Dietrich lebt. Das Mit- und Nebeneinander der jungen Cleo (Gwendolyne Göbel) und der Erwachsenen sei besonders gut gelungen. „Es gab zahlreiche schöne, innige Momente. Der Film hat viele kleine Edelsteine“, bemerkte eine Zuschauerin nach der Vorstellung.

Tatsächlich versöhnt sich Cleo am Schluss endlich mit sich selbst und lässt zu, dass sie in Gegenwart und Zukunft glücklich sein darf. Erik Schmitt, Produzent Fabian Gasmian und dem Lüneburger Tonmeister Torben Seemann ist mit Cleo ein modernes Märchen mit viel Tempo, (Irr-)Witz, Charme und Tiefgang gelungen, mit überraschenden An- und Einsichten und der Botschaft, die Welt „mit mehr Achtsamkeit zu sehen“, so Schmitt. „Kreativität ist für mich wie ein Muskel, den man trainieren kann“, sagt der Regisseur. Cleo ist dafür ein gutes, rund 100-minütiges Trainingsprogramm, am Donnerstag läuft der Film in den deutschen Kinos an, im Scala um 19 Uhr.

Von Silke Elsermann

Zur Person

Er liebt Zeitraffer-Effekten

Erik Schmitt, Jahrgang 1980, geht mit seinen Filmen gern neue Wege, spielt mit Perspektiven und Zeitebenen, indem er auf Zeitraffer-Effekte setzt ebenso wie auf Stop Motions. Animationen und Trickelemente verweben sich mit dem realen Geschehen und entwickeln so eine weitere zeitliche und perspektivische Ebene.

Diese Handschrift ist auch in seinen Kurzfilmen wie „Nashorn im Galopp“ (2013) zu sehen.

Cleo ist Schmitts erster Langfilm, in dem 50 Drehtage stecken. Er war der Eröffnungsfilm der Reihe „Generation“ der diesjährigen Berlinale. Der gesamte Sound zum Film wurde in Lüneburg im Studio von Tonmeister Torben Seemann produziert.

Zur Person

Spross einer Künstlerfamilie

Jeremy Mockridge, geboren am 4.9.1993 in Bonn, stammt aus einer bekannten Schauspielerfamilie und ist der zweitjüngste von sechs Söhnen. Seine Eltern Bill und Margie sind vielen Lüneburgern wohl bekannt, denn sie zeigten im April im Kulturforum ihr aktuelles Kabarettprogramm. Auch Bruder Luke ist ein erfolgreicher Comedian.

Bekannt wurde Jeremy als „Bandenchef“ in den „Wilden Hühner“, die auf der Jugendbuchreihe von Cornelia Funke basieren.

Bei der Rolle des Paul in Cleo habe ihn besonders „die leichte und warme Farbe der Rolle und das filmische und emotionale Abenteuer gereizt“. Gemeinsam mit Regisseur Schmitt habe er die Rolle so neu- und umgestaltet, bis er sich „zuhause gefühlt“ habe.