Montag , 26. Oktober 2020
Karin Nohr auf Stippvisite in Lüneburg. Foto: tl

Es passiert manchmal einfach so

Lüneburg. „Wenn wir krank sind, dann bricht allerhand auf.“ Karin Nohr weiß, wovon sie spricht. In ihrem ersten Leben war sie Psychoanalytikerin, mit eigener Praxis, vielen Patienten. Ein Beruf, der ihr Spaß gemacht hat. Und auch immer noch Spaß macht. „In Berlin habe ich immer einen festen Tag, das ist der Montag, da geht es um Supervision. Das heißt, ich treffe mich mit Kollegen, die mir dann Fälle vorstellen, bei denen sie nicht weiterkommen. Ich mache das gerne. Manchmal kann ich helfen, manchmal ist es schwieriger,“ erklärt die 69-Jährige. „Diese Treffen verbinden mich auch mit dem Leben. Ich ziehe da aber nichts für meine Bücher heraus.“ So wie ihr jüngster Roman. „Kieloben“ heißt er. Darin lebt so manche Person. Inga ist eine davon.

Inga ist gerade 60 geworden. Sie ist eine tüchtige Ärztin; sie hat einen Sohn, Sebastian, der sich gerade erst so richtig von ihr löst. Und sie hat zwei Brüder: Matthias ist ein erfolgreicher Unternehmer, Markus Sänger und Gesangslehrer. Inga macht gerade Urlaub auf einer kleinen Insel in Norwegen. Da passiert es: Sie rutscht aus, das Ergebnis: ein Hexenschuss. Er wird sie die nächste Zeit ans Bett fesseln. Und an die Vergangenheit. Denn durch die erzwungene Bettruhe entspinnt sich eine Korrespondenz mit ihren Brüdern. Allen voran Matthias ist es, der etwas über die Vergangenheit des Vaters aufstöbert. Der befehligte im Zweiten Weltkrieg ein Kriegsschiff. Und war offenbar nicht nur der weiche und liebe Mensch, den er nach außen hin verkörperte. Überhaupt wird die Situation immer konfliktbeladener. Hatte ihre Mutter eine Affäre mit dem Pastor? Und warum war der Vater am Ende in der Psychiatrie?

Muße ist das Eingangstor ins Innere. Sie wirft einen Blick auf Dinge, die sonst vielleicht für immer verschlossen geblieben wären. Das sagt Karin Nohr. Einen Schlüssel hat sie in eine andere Eingangstür gesteckt: 1997 machte sie ihren Doktor, in ihrer Dissertation geht es um die Beziehung des Musikers zu seinem Musikinstrument. Seltsam, dass offensichtlich niemand zuvor auf diese Idee gekommen war. Wo es doch im Leben ständig um Beziehungen geht – und wie sie wieder zerbrechen können. Karin Nohr hat das erlebt. 30 Jahre war sie mit ihrem Mann zusammen – „wir haben wirklich alle Höhen und Tiefen erlebt.“ Dann dauerte es kurze vier Stunden, und ihr Mann war tot. Unfall. Ein tiefer Sturz. „Das zerreißt einen, wenn man sich nicht darauf vorbereiten kann“, sagt die Schriftstellerin. 18 Jahre ist das jetzt her.

Auch Inga kann sich nicht da-rauf vorbereiten, was ihr Bruder Matthias herausfindet. Klar, es ist leicht zu sagen, dass damals Krieg herrschte und da nun einmal andere Gesetze galten. Aber auch im Krieg hat jeder die Wahl, sein Handeln auf den Prüfstand zu stellen. Moralisch zu handeln. Befehle zu ignorieren. Auch ihr Vater hatte die Wahl. Und er hat sich entschieden. Matthias ist außer sich. Er, der erfolgreiche Chemiker, Unternehmer, der mit der großen Firma. Aber mit einer Fassade, die tönern ist: Die Frau trinkt, die erwachsenen Zwillingsmädchen nehmen ihn nicht ernst. Und jetzt das mit dem Vater. Matthias wird regelrecht aggressiv.

„Über sein eigenes Leben kann man viel herausfinden, aber über den allgemeinen Sinn des Lebens gibt es keine große Erkenntnis. Jedenfalls nicht aus objektiver Sicht“, sagt die Psychoanalytikerin Karin Nohr. Sie ist mit drei Geschwistern aufgewachsen, es wurde viel gesegelt, vor allem auf der Ostsee. Dazu kamen Dänemark, Schweden. In Norwegen war sie nie. Das Land hat sie erst für die Recherche für ihren aktuellen Roman besucht. Sie hat auch extra Norwegisch gelernt. „Sprache war schon immer mein Ding. In Berlin sind die Volkshochschulkurse für Norwegisch zum Glück nicht gerade überfüllt“, sagt sie und lächelt. Bei ihrer Recherche stieß sie auch auf die Tirpitz: Kruppstahl auf 250 Meter Länge und 36 Meter Breite, 2500 Mann Besatzung, der Schrecken der Alliierten. Churchill nannte das Schlachtschiff nur „das Biest“. Zum Glück bekamen er und seine Verbündeten es nie mit der Tirpitz zu tun.

Die Tirpitz spielt eine Rolle im Roman. Einen richtigen Hochseeeinsatz hatte sie nie, sie dümpelte vor sich hin, lag zum Schluss in einem norwegischen Sund, wo sie letztlich versenkt wurde. Mehr Sinnlosigkeit im Krieg geht kaum. Inga und ihre Brüder stöbern Geschichte und Geschichten auf, die mit der Tirpitz zu tun haben . Sie stoßen auf das Erbe, das deutsche Soldaten während des Zweiten Weltkriegs in Norwegen hinterlassen haben. Und nicht nur da. Aber für ihre Geschichte ist Norwegen von entscheidender Bedeutung. Dann betritt Mette die Bühne. Sie ist auch schon etwas älter, arbeitet als Krankenschwester. Sie ist so ganz anders als Inga – ein anderer Typ. Drei erwachsene Kinder hat sie. Sie lebt ihr Leben in Norwegen. Inga ihres in Deutschland. Das soll nicht so bleiben.

„Ich wollte keinen Frauenroman schreiben“, erklärt Karin Nohr. „Darum ging es mir nicht. Mir ging es um ein Familiengeheimnis, von dem anfangs niemand weiß. Es sollte kein Roman sein, nach deren Lektüre man einen Schlussstrich zieht und sagt: Das war es. Ich wollte, dass verschiedene Menschen aufeinandertreffen, dass sich ihre Wege unerwartet kreuzen. Trotz allem ist mir die optimistische Ausrichtung wichtig.“
Hat denn ihre Arbeit als Psychotherapeutin Eingang in den Roman gefunden? Ein entschiedenes Nein folgt. „Geschrieben habe ich schon immer“, sagt Karin Nohr. „Das war immer losgelöst von meinem eigentlichen Beruf. Natürlich fließen Erfahrungen aus dem eigenen Leben in so einen Roman unweigerlich mit ein.“

Die Figuren in „Kieloben“ haben alle ihr Päckchen zu tragen. Der Roman erzählt im Grunde zwei Geschichten, die am Ende aufeinander zu laufen. Das ergibt nicht automatisch eine Lösung, eröffnet für alle aber neue Möglichkeiten, neue Chancen. Es bleibt ihnen überlassen, ob sie sie auch nutzen. Ingas beste Freundin sagt zu ihr: „Es bleibt natürlich nicht, wie es war, meine Liebe. Aber wir ändern uns mit.“ Nicht auf alles kann man Einfluss haben, manches passiert einfach so. Das erfahren auch Inga und ihre Brüder.

Wie real sind die Figuren? „Sie entstehen in meinem Kopf, nirgendwo anders“, sagt die Schriftstellerin Nohr. Natürlich recherchiere sie im Vorfeld umfangreich, sucht Schauplätze auf, stöbert durch Bibliotheken. Geschrieben wird vormittags von 9 bis 12, danach geht es im Wendländischen in den Garten. Wenn sie in Berlin ist, schreibt sie im Café. „Zu Hause gucken mich einfach zu viele Dinge an.“ Wenn dann die Menschen für ihr Mittagessen dort aufkreuzen, klappt sie ihr Notebook zusammen und geht.

Sie und ihr Mann haben lange in Berlin gelebt, dort war es zu DDR-Zeiten wie eine Insel. Einen Garten hat sie sich schon immer gewünscht. Zuerst wurde im Norden nach einem kleinen Häuschen gesucht. Ratzeburg war schön. Aber dann standen sie eines Tages vor einem Häuschen im Wendland und wussten: Das ist es. Das war im September 1989. „Mein Leben ist gut, ich habe einen großen Freundeskreis“, sagt Karin Nohr. Hatte Schreiben in all den Jahren für sie eine therapeutische Kraft? Kurzes Überlegen. „Nein. Aber ich erlebe zu meinen Figuren eine Nähe, die ich im wirklichen Leben nicht erreichen kann. Im wirklichen Leben kann ich eine Bedrohung erleben: Meine Freunde können sterben, das ist ganz real. Meine Figuren bedrohen mich hingegen in keiner Weise. Sie entwickeln sich Stück für Stück, manchmal ganz automatisch. Wie im Leben.“ Es passiert manchmal einfach so.

Von Thorsten Lustmann

Zur Person

Spät, aber nicht zu spät

Vier Romane hat Karin Nohr bislang veröffentlicht: „Herr Merse bricht auf“ im Jahr 2012, da war sie 62. Es folgten „Vier Paare und ein Ring“ (2013), „Eastern Sittichs“ (2017), „Stummer Wechsel“ (1018). „Kieloben“ ist ihr fünfter, erschienen ist er in diesen Tagen im Frankfurter Größenwahn-Verlag. Nohr studierte Germanistik und Anglistik sowie Psychologie und bildete sich in klassischem Gesang aus. Sie ist auch Dozentin an therapeutischen Fachgesellschaften und schreibt Fachaufsätze und Fachbücher. Demnächst beginnt sie eine Lesereise, die sie u.a. am 16.9. nach Hamburg führt – dort wird sie im Jenfeld-Haus lesen.