Freitag , 25. September 2020
Ton Koopman und seine Musiker sind dem Originalklang auf der Spur. Foto: t&w

Die Freude, der Ernst und der Witz

Lüneburg. Der Abend bietet drei Unbekannte und startet doch mit einem Hit. Er schaut auf Weihnachten und auf Karfreitag, und dann zeigt er, dass der doch immer so ernst schauende Johann Sebastian Bach mit Humor punkten kann. Es wird ein Abend mit Überraschungen, den Ton Koopman und seine Amsterdamer Musiker in der voll besetzten Michaeliskirche bieten – im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals.

Bach steht im Zentrum des Festivals. Ton Koopman darf da nicht fehlen, zählt der Bach-Buxtehude-Biber-Barockpfleger doch zu den weltweit führenden Musikern in Sachen Originalklang. Der Niederländer spielte unter anderem alle bekannten Bach-Kantaten ein. Ein gewaltiges Unterfangen: Bach schrieb rund 300, zwei Drittel sind überliefert. In diesem Jahr wurde Koopman (74) zudem Präsident des Bach-Archivs Leipzig, als Nachfolger des Originalklang-Kollegen John Eliot Gardiner (76), der 2000 seine „Bach Pilgrimage“ in Lüneburg beschlossen hatte. Nun also Koopman in St. Michaelis, der Kirche, in der Bach als Knabe sang und die mit ihrem Nachhall das Hören nicht gerade erleichtert.

Lachen in Klang übertragen

Koopman legt mit seinem nun 40-jährigen Amsterdam Baroque Orchestra ein gemessenes Tempo vor, als zu Beginn der Weihnachtskantate „Unser Mund sei voll Lachens“ überraschend ein oft gespielter Bach-Hit erklingt, die Ouvertüre D-Dur. Typisch Bach: Er lässt im sogenannten Parodieverfahren schon Aufgeführtes in neuem Kontext aufblühen. Wo im Orchesterwerk das majestätisch gravitätische Intro endet, steht nun ein Choral, den die 20 Sänger/innen anstimmen. Bald lassen sie eine weitere Bach-Kunst aufleuchten, die Lautmalerei. Schöner, deutlicher und zugleich unaufdringlich lässt sich Lachen kaum in Klang übertragen.

Koopman achtet auch im Folgenden, in das Tenor Tilman Lichdi führt, auf einen warmen, transparenten Klang. Der Dirigent verführt mit Nuancen in der Dynamik, im Tempo, in kleinen, effektiven Betonungen zu genauem Hinhören. Gespielt und gesungen wird, wie zu erwarten, auf höchstem Niveau und dazu spürbar freudvoll. Allein das, was Dave Hendry an diesem Abend auf der Naturtrompete an Präzision spielt, ist nicht zu toppen.

Musik erreicht die Herzen

Zur Passionszeit hin führt die Kantate „Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott“, die wie das Werk zuvor 1725 entstand. Sie beginnt mit einem elegischen, von Chor und Orchester seelenruhig gestalteten Chorsatz. Eingewoben sind mehrere Choräle, was heute kaum einer heraushören kann. Doch die Musik erreicht die Herzen. Mustergültig beweist es Elisabeth Breuer, so innig singt sie die zentrale Sopranarie „Die Seele ruht in Jesu Händen“. Begleitet wird sie von gezupften Saiten. Diese Pizzicati laufen von den Bass-Stimmen in den gesamten Streichapparat, und lautmalerisch tönen „Sterbeglocken“.

Nach der Pause geht es – virtuell – aus der Kirche hinaus rüber ins „Zimmermann‘sche Caffe-Hauß“. In dem Leipziger Lokal ließ Bach 1729 in einer weltlichen Kantate einen Sängerkrieg austragen: „Geschwinde, ihr wirbelnden Winde“. Das Werk enthält eine Menge, von Koopman herausgekitzelten musikalischen Witz. Die Musiker kosten jede Wendung mit Genuss und mitschwingend aus. Auftrumpfen dürfen und müssen die stimmmächtigen Bassbaritone. Klaus Mertens, ein der Kunst verpflichteter Phoebus, singt gegen Andreas Wolff als groß- und grobklotziger Pan. Beide Solisten unterstreichen ihren Wettstreit mit Mimik und Gesten.

Sängerkrieg trifft auf musikalischen Witz

Wieder lassen Koopmans Musiker dazu Lautmalereien wirken, und am Ende ist es der nicht Kunst-, sondern Unsinn beweisende Kunstrichter Midas, gesungen von William Knight, der die Prügel bekommt. „Aufgeblasne Hitze, wenig Grütze“ bescheinigt ihm Countertenor Maarten Engeltjes. So sind sie eben, die Kritiker. Ein schönes Stück zum Schmunzeln!

Sängerstreit ist bis zu Wagner und James Krüss ein beliebtes Thema. Vor fünf Jahren duellierten sich in St. Michaelis Simone Kermes und Vivica Genaux in einem nachgestellten Primadonnen-Zickenkrieg aus Händel-Zeiten. Da geht es bei Bach doch sittsamer und dezenter zu. Aber nicht weniger begeisternd: Auf langen Beifall folgt noch einmal das Sängerkrieg-Finale „Labt das Herz“, alle Solisten stimmen mit ein.

Seit 1987 ist Lüneburg Spielort des Schleswig-Holstein Musik Festlvals, daran erinnerte zur Begrüßung Oberbürgermeister Ulrich Mädge. So darf es gern weitergehen.

Von Hans-Martin Koch