Donnerstag , 24. September 2020
Jan Koneffke blickt aus dem Fenster der Stipendiatenwohnung. Foto: die

Er sammelt Atmosphären

Der Autor Jan Koneffke ist seit Mai Literatur-Stipendiat im Heine-Haus und arbeitet an einem neuen Mega-Roman.

Sie sind seit Mai in der Stipendiatenwohnung in Lüneburg – wie sind Sie auf dieses Angebot gekommen?
Jan Koneffke: Es gibt zwei Arten von Stipendien – auf die e inen bewirbt man sich, bei anderen wird man angefragt. Bei mir sind diese beiden Fälle quasi aufeinandergetroffen: Ich hatte mich für das Heinrich-Heine-Stipendium beworben und eine Zusage für die Zeit von Mai bis Juli 2019 erhalten. Kurze Zeit später wurde mir ein Aufenthalt im „Müllerhaus“ des Aargauer Literaturhauses in der Schweiz angeboten. Da ich mich schlecht teilen kann, konnte ich mich mit der Stiftung auf einen anderen Termin einigen, und so bin ich dort ab September für drei Monate zu Hause. Auch Bamberg bietet solche Residenzstipendien ohne Bewerbung, dort war ich 2016/17 für elf Monate Gast des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia.

Sie sind in Darmstadt, also in Süddeutschland geboren, warum wollten Sie nach Lüneburg?
Ja, aber unsere Familie hat auch mehrere Jahre in Braunschweig gelebt. Außerdem habe ich durch meinen Vater, der aus Hinterpommern stammte, einen Bezug zum Norden, und ich erinnere mich gerne an unsere Urlaube, die wir fast immer im Norden – oft in Dänemark – verbracht haben. Mein Vater liebte diese Ostseelandschaft, die Landschaft seiner Kindheit. Außerdem habe ich in Lübeck noch zwei Tanten und eine Cousine. Ich verknüpfe mit dem Norden also wunderbare Erinnerungen, und ich komme langsam in ein Alter, in dem die Erinnerung eine größere Rolle spielt als die Zukunft. Lüneburg kannte ich zudem durch eine Einladung der Literarischen Gesellschaft zu einer Lesung Ende der 90er-Jahre. Ich hatte damals hier zwei wundervolle Tage verbracht. All das hat mich bewogen, mich für das Heine-Haus zu bewerben.

Drei Monate in einer Stadt Fuß zu fassen, ist das nicht ein bisschen kurz?
Es ist kurz, tatsächlich. Wenn man wirklich ankommen will, braucht man mehr Zeit. Insbesondere jahreszeitliche Veränderung mitzuerleben wäre schön. Aber ich muss ja sowieso zweigleisig fahren, denn ich bin ja nicht hier, um ein Buch über Lüneburg zu schreiben. Ich habe einen Stoff dabei, an dem ich schon seit längerer Zeit schreibe. Es ist völlig egal, wo mein Schreibtisch steht.

Und das „zweite Gleis“?
Zweigleisig insofern, als dass ich dann daneben die Stadt und die Umgebung kennenlerne. Und ich sammele weiterhin Material. Es kann also durchaus sein, dass ich irgendwann irgendetwas, dass ich hier erlebt oder gehört habe verwerte. Denn ich erzähle ja Geschichten, beschreibe Räume, Landschaften. Dieses rezipierendes Verhalten wohnt wohl jedem Autor inne.

Wann soll der neue Roman erscheinen und worum geht es?
Er soll im nächsten Jahr erscheinen. Es handelt sich um ein umfangreiches Buch, schließlich umfasst seine Erzählung zirka 250 Jahre europäischer Geschichte, beginnt in Venezuela und spielt danach in vielen europäischen Städten: Rom um 1820, Bamberg um 1848, Paris um 1870, Wien um 1900, Bukarest ab 1916. Auch der Held und Erzähler wird am Ende so alt sein wie seine Geschichte. Es ist also ein Stoff, der entfaltet werden muss, das heißt, es wird ein dicker Schinken. Mehr möchte ich noch nicht verraten.

Wann haben Sie mit dem Mammutprojekt angefangen?
So richtig intensiv vor etwa zwei Jahren. Denn zwischendurch habe ich einen Gedichtband, ein Hörspiel sowie verschiedene andere publizistische Dinge herausgebracht. Ich muss natürlich wahnsinnig viel lesen und Kleinigkeiten recherchieren. Da geht es zum Beispiel um eine 20 Jahre alte Jugendstilvilla und eine Stehlampe – wie müsste die wohl ausgesehen haben?

Wie kommt es, dass Sie so gut Italienisch sprechen, dass Sie sogar als Literaturübersetzer arbeiten?
In meiner Zeit als Stipendiat der Villa Massimo in Rom habe ich meine Frau kennengelernt. Und zwar bei dem berühmten Maskenball in der Villa Medici. Ich hatte trotz knapper Kasse 150 D-Mark in mein Outfit investiert, obwohl ich von der Sinnhaftigkeit dieser Unternehmung wenig überzeugt war. Aber eben dort habe ich meine Frau kennengelernt. Sie stammt aus Rumänien, war bereits Architektin und machte damals in Rom eine Zusatzausbildung in restaurierender Architektur. Unsere gemeinsame Sprache war Italienisch. Sie spricht zwar inzwischen gut Deutsch und ich Rumänisch, aber unsere Beziehungssprache ist und bleibt Italienisch.

Was haben Sie in Lüneburg unternommen, was steht noch an?
Meine Frau und ich haben eine Stadtführung gemacht, viele Spaziergänge, einen Theaterbesuch dank Freikarten, haben ein tolles Thai-Lokal und nette Kneipen entdeckt. Auch den Libeskindbau haben wir besichtigt, sehr beeindruckend. Der Mann meiner Lübecker Cousine ist übrigens Lüneburger. Die Familie hat mich kürzlich besucht und wir haben gemeinsam bei einer Führung das Kloster Lüne erkundet. Des weiteren wollen wir noch das Salzmuseum und das Rathaus besichtigen.

Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?
Morgens jogge ich um den Kreidebergsee, häufig begegnen mir dieselben Gesichter, Leute, die Hunde ausführen, die baden, in ihren Schrebergärten werkeln. Wenn ich dann zurück bin, dampfe ich erst mal aus etc. Anschließend erledige ich Bürokram und dann setze ich mich an die Arbeit. Zwischendurch gibt’s einen Mittagssnack. Zwischen 16 und 18 Uhr ist dann Feierabend. Dann kommt der erholsame Teil des Tages wie Spaziergänge, bummeln oder irgendwo einkehren.

Ihr jüngstes Werk ist ein Gedichtband. Gibt es hierfür tatsächlich noch einen Markt, eine Zielgruppe?
Das ist ganz schwierig zu vermarkten. Es gibt immer wieder Ausnahmen wie Jan Wagner zum Beispiel, der mit seinen „Regentonnenvariationen“ den Leipziger Buchpreis gewonnen hat. Aber man schreibt Lyrik nicht um Geld zu verdienen, sondern weil man es für ein adäquates Ausdrucksmittel hält. Und es gibt kleine Verlage, die sich auf so etwas spezialisieren. Wenn ich Prosa schreibe, erzähle ich, wenn ich Gedichte schreibe, dann singe ich. Deshalb sind Lesungen im Lyrikbereich eigentlich viel wichtiger als bei Romanen, weil es auf „den Gesang“ ankommt.

Was halten Sie von Poetry Slam?
Ich habe wenig Erfahrung damit. Ich hatte mir darunter schnelles rhythmisches Sprechen vorgestellt. Aber das, was ich mal in Bamberg erlebt habe, war Comedy, allenfalls Sprechgesang. Es gibt wohl verschiedene Arten. Ich habe mal einen Gedichtband für Kinder geschrieben, der heißt „Trippeltrappeltreppe“. Wenn ich das gleichnamige Gedicht vortrage, gibt es viel Gekicher, aber auch Komplimente wie „Herr Koneffke, Sie sind ja ein richtiger Rapper“. Und das ist das, was ich mir darunter vorgestellt hatte, das mag ich.

Wie stehen Sie zu Social Media?
Ich habe diese Welle mit Facebook & Co. nicht mitgemacht. Habe noch nicht einmal eine Homepage. Das habe ich im wahrsten Sinne des Wortes verschlafen bzw. habe jetzt meine Kollegen im Grunde überholt, weil das allmählich wieder out ist. Ich bin mir sicher, dass das langfristig keine Rolle spielt. Mir ist es zudem auch zu viel Aufwand.

Wird Lüneburg Spuren bei Ihnen hinterlassen?
Das glaube ich auf jeden Fall. Wenn man so lebt wie ich, hat man sowieso das Gefühl, das Jahr dauert länger. Das Kennenlernen neuer Örtlichkeiten dehnt die Zeit. Wenn man sich hingegen auskennt, dann schnurrt die Zeit zusammen.
Wenn für mich das Jahr um ist, habe ich das Gefühl, überall ein Zeitfenster aufgestoßen zu haben, und das Jahr ist einfach länger geworden. Es bleibt auf lange Sicht vor allem etwas Atmosphärisches hängen, und das ist viel intensiver, als wenn man immer am gleichen Ort weilt, denn der Ort wird dann so vertraut, dass die Intensität abhanden kommt. Aber auf welche Art und Weise Lüneburg Spuren hinterlassen wird, das kann ich noch nicht sagen.

Zur Sache

Auszeichnungen

Der Autor hat viele Preise und Stipendien erhalten, hier eine Auswahl:
1987: Leonce-und-Lena-Preis
1990: Förderpreis zum Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg vor der Höhe
1990: Alfred-Döblin-Stipendium
1995: Stipendium der Villa Massimo
2001: Gastprofessur für Poetik an der Universität Bamberg
2005: Offenbacher Literaturpreis
2013: Usedomer Literaturpreis[2] 2016: Uwe-Johnson-Preis, für Ein Sonntagskind

Vita und Werke

Pommersche Familiensaga

Jan Koneffke wurde 1960 in Darmstadt geboren. Er studierte er Philosophie und Germanistik an der FU Berlin. Nachdem er 1987 den Leonce-und-Lena-Preis für Lyrik erhielt, begann er als freier Schriftsteller zu arbeiten.

Seiner Familiengeschichte widmete er sich in einer Trilogie: „Eine nie vergessene Geschichte“ (2008), „Die sieben Leben des Felix Kannmacher“ (2011). Der dritte Band, „Ein Sonntagskind“ (2015), schließt die Pommersche Familiensaga ab. Jedes Buch könne aber auch einzeln und beliebiger Reihenfolge gelesen werden, sagt Koneffke.

Auswahl weiterer Werke:

„Vor der Premiere“ (1988)
„Gelbes Dienstrad wie es hoch durch die Luft schoß“ (1989)
„Bergers Fall“, (1991)
„Gulliver in Bulgarien“, (1999)
„Paul Schatz im Uhrenkasten“, (2000)
„Eine Liebe am Tiber“, (2004)
„Nick mit den stechenden Augen“, (2004)
„Die Schönheit des Vergänglichen“, (2004)
„Abschiedsnovelle“, (2006)
„Die Sache mit Zwille“, (2008)
„Als sei es dein“, Lyrik (2018)

Preise und Stipendien :
1987: Leonce-und-Lena-Preis
1990: Förderpreis zum Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg vor der Höhe
1990: Alfred-Döblin-Stipendium
1995: Stipendium der Villa Massimo
2005: Offenbacher Literaturpreis
2013: Usedomer Literaturpreis
2016: Uwe-Johnson-Preis für „Ein Sonntagskind“