Annette Wörsdörfer lebt Kino. Sie und ihr Team haben entscheidenden Einfluss auf das, was im Filmpalast zu sehen ist. Foto: t&w

„Kino hat sich immer wieder neu erfunden“

Lüneburg. Wer mit der Zeit geht, hat einen direkten Draht zu Amazon oder Netflix. Per Knopfdruck stehen auf dem heimischen Bildschirm beliebig viele Filme zur V erfügung, die Sendezeit bestimmt jeder selbst. Ein Traum für Filmliebhaber, der vor wenigen Jahren fast noch undenkbar war. Doch was bedeutet das für das Kino von heute? Ein Gespräch mit Annette Wörsdörfer, Theaterleiterin im Lüneburger Filmpalast.

Frau Wörsdörfer, geht Kino heute noch?
Natürlich, wir haben unser Publikum. Viele Menschen stehen auf Rituale, und dazu gehört auch ein Kinobesuch, der ja ein vollkommen anderes Erlebnis ist, als wenn ich mir einen Film zu Hause ansehe. Im Kino betrete ich das Foyer, kaufe mir vielleicht etwas Popcorn, schreite dann die Treppe hinauf und nehme in einem großen Saal Platz in einem weichen Sessel. Dann geht der Vorhang auf, und auf der großen Leinwand wird eine Geschichte erzählt. Das bekommen Sie zu Hause nicht geboten. Vielleicht ist der Bildschirm bei Ihnen ein bisschen größer geworden – aber die Wohnung oder das Haus ist gleich geblieben. Und diese Orte verlässt man auch mal ...

Aber Kino ist nicht gerade billig. Eine normale Eintrittskarte kostet immerhin bis zu zwölf Euro, die letzte Preiserhöhung hatten Sie vor zwei Jahren.
Ein Erlebnis wie eben beschrieben hat seinen Preis. Es hängen ja auch immense Kosten daran: Der Verleiher bekommt die Hälfte des Eintrittsgeldes – das können bei einem Blockbuster schon mal 53 Prozent sein. Einmal pro Woche überweisen wir das Geld an den Verleiher. Übrigens führen wir je nach Saal auch noch 1,9 bis drei Prozent als Filmförderabgabe ab und 1,25 Prozent an die GEMA (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, Anmerkung der Redaktion). Mit dem Eintritt wird zudem das Personal bezahlt, von der Reinigungskraft bis zum Vorführer – insgesamt sind hier 82 Menschen beschäftigt, davon zwölf festangestellt. Und Wasser und Strom gibt es auch nicht gratis.

Verraten Sie uns, wie hoch die Stromrechnung des Filmpalastes im Monat ist?
Etwa 16 000 Euro. Ein Großteil davon geht an die Vorführgeräte und die Klimaanlage.

Haben die großen Verleiher wie Disney oder Universal das Sagen, wenn es darum geht, welche Filme gezeigt werden? Oder anders gefragt: Hat der Lüneburger Filmpalast Einfluss darauf, was er zeigt?
Auf jeden Fall. Das funktioniert so: Der Verleiher gibt einen Starttermin vor, dann können wir sagen: Ja, wir sind interessiert. Dann führt man sogenannte Vermietungsgespräche, denn der Film wird ja von uns gemietet. Der Verleiher wiederum hat so seine Vorstellungen, wie aufwendig der Film gestartet wird, wie viel Werbung zum Beispiel dafür gemacht wird. Wenn wir uns einig sind, kommt dann der Film hierher. Unterm Strich suchen wir uns die Filme aus. Und wir entscheiden auch, ob wir 2D oder 3D zeigen und in welchem Saal der Film läuft.

Unter denen auch schon mal Flops sind.
Natürlich, das kommt vor. Der schwächste Film im vergangenen Jahr zum Beispiel war „Don‘t die in Liverpool“, den haben sich gerade einmal zwei Leute angesehen. Der stärkste war „Fantastische Tierwesen 2 – Grindelwalds Verbrechen“, den haben 14 049 Menschen angeschaut. Wir sehen viele Filme auch schon vorab, etwa auf Festivals oder in Pressevorführungen. Es gibt auch Branchentreffs, der nächste findet demnächst in Köln statt.

Wenn wir uns mal den 17. Juli anschauen: Da starten bundesweit zehn neue Filme. Laufen die auch alle in Lüneburg an?
Nein, wir suchen hier wieder aus, welche das sein werden, wir können nicht alle zehn Starts mitmachen. Wir müssen eine gute Mischung aus Action, Thriller, Komödie und Kinderfilm hinbekommen.

Aber die Filme, die dann anlaufen, haben unterschiedliche Laufzeiten.
Ja, manche Filme sind nur ein oder zwei Wochen in unserem Programm, weil sie kein Publikum finden. Andere wiederum laufen gefühlt ewig – bis zu vier Monate am Stück. Es gibt nun mal auch ein Überangebot an Startfilmen. Das ist ein Problem, das wird in unserer Branche diskutiert.

Weil es heutzutage einfacher ist, einen Film zu drehen?
So ist es, das ist auch eine Folge der Digitalisierung. Sie und ich können losgehen und über Crowdfunding einen Film machen, etwa über Lüneburg.

Mit uns in den Hauptrollen?
Ich bitte Sie, das will doch keiner sehen.

Jetzt bin ich aber beleidigt.
Ist aber so. Wir brauchen also gute und am besten noch bekannte Schauspieler. Jetzt wird es ganz schnell teuer. Und wenn dann noch Action dazukommt, knacken wir schnell die Grenze zu einer Million Euro.

Was kostet denn ein normaler Film?
Das ist sehr unterschiedlich. Ein „Tatort“ zum Beispiel kostet in der Produktion 1,5 bis 1,7 Millionen Euro. „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ waren den Produzenten 25 Millionen Euro wert. Die teuerste deutsche Produktion kostete übrigens 80 Millionen Euro – der „Cloud Atlas“ von Tom Tykwer.

Das Geld kommt aber nicht immer wieder rein.
Kommt drauf an. Ab 21. November läuft bei uns „Die Eiskönigin 2“ an. Das wird ein Erfolg. Und ein Selbstgänger ist immer wieder „Star Wars“. Der startet am 18. Dezember, er heißt „Der Aufstieg Skywalkers“.

Sie haben zusätzlich bestimmte Filmreihen.
Ja, da sprechen wir gezielt ein Publikum an. Wir haben am Montag die „Sneak-Preview“, am Dienstag gibt es Filme in der Originalfassung. Es gibt eine „Ladies Preview“ und nicht zuletzt die Opern-Übertragungen: In New York gehen die Leute zur Matinée um 12 Uhr in die Metropolitan Opera, bei uns werden sie live übertragen – da ist es hier schon 18 Uhr. Das wird gut angenommen, das Publikum macht sich schick, es gibt einen Sektempfang – wo wir wieder bei der Atmosphäre wären, die Sie zuhause so nicht haben. Der Sonntag zum Beispiel ist ein Familientag, für viele ist es ein Ritual, dann das Kino zu besuchen. Wir zeigen auch Dokumentarfilme, gerne über Reisen, die von den Machern dann hier persönlich vorgestellt werden.

Die Filme kommen in der Regel auf Festplatten hier an?
Ja, so werden sie von den Verleihern geliefert – wir arbeiten mit etwa 20 zusammen. Da gibt es viele Codes, die man haben muss, bis der Film dann wirklich auf die Leinwand projiziert werden kann. Es hat schon etwas Aufregendes, wenn auf dem Schreibtisch ein metallener Kasten steht, in dem der neue „James Bond“ steckt.

Das heißt, für jede Filmkopie gibt es eine extra Festplatte?
Korrekt. Bundesweit gibt es zum Beispiel für den aktuellen „Spiderman“-Film 628 Kopien, also 628 Festplatten. Bei „Traumfabrik“ sind es 425, bei „Pets 2“ 745 Stück.

Was beeinflusst den Erfolg des Kinos?
Zuerst natürlich die Qualität der Filme. Aber eine Fußballweltmeisterschaft ist ebenfalls schlecht für uns, ein Jahrhundertsommer auch. 2018 war demnach ein durchwachsenes Jahr. Und zuviel Schnee ist auch schlecht fürs Geschäft – aber dieses Problem haben wir im Norden ja weniger.

Wie sehen Sie die Zukunft?
Es gibt immer Aufs und Abs. In der Branche rechnet man damit, dass wir eine Umsatzsteigerung von 6,5 Prozent haben werden. Wir werden sehen. Kino hat sich immer wieder neu erfunden, es musste sich zuerst gegen Fernsehen, dann gegen die VHS-Kassette durchsetzen, aktuell gegen das Internet und Streaming-Dienste. Es wurde und wird von den Kinos viel investiert in Kinotechnik, Bestuhlung und Ambiente. Und wenn dann noch Filme wie „Once Upon A Time in Hollywood“, „Die Eiskönigin 2“, „Cats“ und „Star Wars“ starten, dann ist das Erlebnis Kino unschlagbar.

Weitere Infos unter https://lueneburg.filmpalast-kino.de/

von Thorsten Lustmann

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