Mittwoch , 28. Oktober 2020
Vorhang auf: Ruth Rogée und ihr 18-köpfiges Team bekommen für ihr Programm regelmäßig Preise verliehen. (Foto: t&w)

„Aber das Popcorn ist gut“

Lüneburg. Ruth Rogée ist entspannt. Gerade hat die Geschäftsführerin des Scala-Programmkinos ihr Publikum im Saal 1 begrüßt: In der Reihe „Seniorennachmittag“ wird der französische Streifen „Ein Becken voller Männer“ gezeigt. Der Saal ist gut gefüllt – nicht nur mit älteren Semestern. „Da sind treue Kinogänger dabei“, erzählt sie danach, „der älteste unserer Besucher ist 98 Jahre alt.“ Wer nicht mehr ganz so gut zu Fuß ist, muss auf den Kinospaß nicht verzichten – das Kino verfügt über einen Fahrstuhl, was nicht alle Lüneburger wissen. Aber jetzt beginnt der Film – und Ruth Rogée hat Zeit für einige Fragen.

Das Scala-Kino scheint einen Preis nach dem anderen abzuräumen. Haben Sie noch einen Überblick?

Ja, natürlich. Seit dem Jahr 2000 haben wir 90 Preise bekommen, zum Teil auf Landesebene, dort von der Nordmedia, zum Teil auf Bundesebene, zum Beispiel von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Von welchen Summen sprechen wir?

Im Schnitt bekommen wir im Jahr etwa 45 000 Euro an Preisgeldern. Auf die sind wir auch angewiesen, mit diesem Geld arbeiten wir. Von den Einnahmen allein könnten wir nicht existieren. Das Geld benutzen wir, um die Klimaanlage und die Technik im Haus zu erneuern. Den Jahrhundertsommer vergangenes Jahr haben wir genutzt, um unserer Foyer komplett neu zu gestalten. Allein das hat rund 100 000 Euro gekostet.

Was genau wird mit den Preisen ausgezeichnet?

Unsere Programmstruktur, also die Mischung von Mainstream-, Independant- und Dokumentarfilmen – letztere machten 2018 immerhin einen Anteil von 26 Prozent aus.

Mal salopp gefragt: Wie kommt ein Film hier ins Kino?

Meine Kollegen und ich sind viel auf Festivals und auf Pressevorführungen unterwegs. Wir wissen deshalb schon sehr früh, welche Filme auf uns zukommen. Wir haben einen Kalender für das ganze Jahr, in dem laufend die Starts eingetragen werden. In der Regel kommen die Filmverleiher auf uns zu und schlagen Filme vor, wir müssen nur sehr selten einem Film hinterherrennen. Das ist aber schon speziell für unser Kino, oft läuft das anders. Die Filme selbst werden zu uns auf einer Festplatte geliefert oder wir beziehen sie über das Internet, dort natürlich über eine verschlüsselte Procedur.

Mit wie vielen Verleihern arbeiten Sie zusammen?

Das sind etwa 20 bis 25 Firmen. Wir können uns in der Regel auf die sehr gut verlassen, die haben ein gutes Händchen bei der Auswahl von Filmen. Hier im Team arbeiten wir dann an dem konkreten Monatsprogramm.

Und wie kommen die Verleiher an ihr Geld?

Es gibt wöchentliche Abrechnungen, also auch wöchentliche Überweisungen. Wir schließen mit dem Verleih einen Vertrag über die Mindestspielzeit, und wenn der Film dann länger gezeigt wird, weil der Zuspruch so gut ist, profitieren wir beide davon.

Der Eintritt wird quasi geteilt?

Etwa 50 Prozent des Eintrittspreises gehen an den Verleiher. Von den 50 Prozent, die bei uns bleiben, müssen wir noch einige Prozentpunkte an die GEMA und als Filmförderabgabe abführen. Das, was übrig bleibt, muss den laufenden Betrieb finanzieren: Das Personal, die Reinigung, die Nebenkosten wie zum Beispiel Strom …

Wie hoch ist denn die Stromrechnung?

Etwa 1300 Euro im Monat.

Selbst in einem kleinen Kino sind ja eine Menge Menschen beschäftigt …

Ja, insgesamt sind es zehn Frauen und neun Männer, dazu zählen auch fünf Schülerinnen und Schüler. Das Gehalt ist für jede Tätigkeit dasselbe. Fünf Kollegen sind in anderen Ländern aufgewachsen, das heißt, ein Viertel der Kollegen hat einen Migrationshintergrund.

Wie, glauben Sie, ist der Bezug der Lüneburger zum Scala-Kino?

Ausgezeichnet! Die Lüneburger sind ein absolutes Kultur- und Kinopublikum. Wir können uns wirklich nicht beklagen. Natürlich ziehen die sogenannten „Brotfilme“ am besten, dazu zählen „Ziemlich beste Freunde“ und „Der Junge muss an die frische Luft“. Aber die Einnahmen solcher Filme finanzieren ja auch die weniger bekannten Streifen. Man muss sein Publikum schon ganz gut kennen, um erfolgreich zu sein. Und man lernt zu wirtschaften, wenn mal kein großer Film läuft.

Etwa durch Sonderveranstaltungen …

Ja, dazu zählen Matinéen, Schulveranstaltungen, die Umweltfilmtage, Gedenktage, der Frauentag und vieles mehr. Allein im vergangenen Jahr hatten wir 151 Sondervorführungen, also beinahe jeden zweiten Tag eine.

Und Sie bekommen viel prominenten Besuch…

Ja, 2018 waren zum Beispiel Florian Henckel von Donnersmarck, Sebastian Koch, Peggy Parnass, Lars Kraume und Charly Hübner bei uns. Im November erwarten wir übrigens Mario Adorf …

Wieviele Filme laufen im Jahr eigentlich in der Scala?

Mehr als 300 Filme, im vergangenen Jahr hatten wir insgesamt 5632 Vorführungen. Das muss auch wegen der Verleiher genau dokumentiert werden. Es gibt heute viel mehr Filme als noch vor zehn Jahren, das liegt an der Digitalisierung. Insgesamt haben wir vier Kinosäle mit insgesamt 270 Plätzen. Der größte hat 103, der kleinste 40 Sitze.

In Lüneburg gibt es ja noch ein Kino, den Filmpalast. Eine Konkurrenz?

Nein, überhaupt nicht. Wir arbeiten mit der Geschäftsführerin Annette Wörsdörfer gut zusammen, tauschen uns regelmäßig aus. Und wir haben schon das eine oder andere Glas Wein am Abend gemeinsam genossen …

Sie bieten auch, sagen wir mal, „lokales Kino“ an.

Ja, ein besonderes Projekt hatte im vergangenen Oktober bei uns Deutschlandpremiere: „Ritter Trenk op Platt“, eine plattdeutsch synchronisierte Fassung des Zeichentrickfilms. Ich habe dieses Projekt von Beginn an mit gecoacht, es wurde hier in Lüneburg im Tonstudio „Chausseeton Soundvision“ von Torben Seemann umgesetzt. Die Früchte unserer mittlerweile 19-jährigen Arbeit ernten wir auch mit dem Kurzfilmfestival „IM.Kasten“, da werden Filme von jungen Filmemacherinnen und Filmemachern aus Lüneburg gezeigt, die ihren ersten Film bei uns sahen und jetzt ihren ersten selbstgedrehten auf der großen Leinwand erleben. Diese Vorführungen erscheinen übrigens in keiner Statistik, wir ermöglichen das zum Sachkostenpreis – Strom und Reinigung – immer an den Vormittagen der Sonnabende.

Gibt es noch weitere Schwerpunkte?

Da ist zum Beispiel unser Schulkino, mit dem wir Kinder und Jugendliche erreichen möchten. Da haben wir verschiedene Reihen laufen, 2018 hatten wir etwa 2800 Schülerinnen und Schüler zu Besuch.

Fällt Ihnen eine besondere Anekdote ein, wenn Sie zurückdenken?

Da gibt es viele. Aber ich erinnere mich an ein Gespräch zweier Schüler, dass ich mithören konnte, weil die Bürofenster ja zur Straße rausgehen. Ich hörte folgendes: „Die Filme, die hier laufen, sind sch… Aber das Popcorn ist wirklich gut“.

Von Thorsten Lustmann