Mittwoch , 12. August 2020
Eine Arbeit von Liane Birnberg, hier in der Druck-Wiedergabe bei den Kontrasten leicht verstärkt. Foto: ff

Bilder einer Alchimistin

Dahlenburg. Es gibt Bilder, die wollen den Betrachter sofort einfangen. Sie transportieren ihre Nachricht über weite Strecken, mit starken Farben und mit klaren Motiven, die schon über große Distanzen klar erkennbar sind. So etwas nennt man „plakativ“. Aber gibt es dazu auch ein Gegenwort, ein Gegenteil vom Plakat? Vermutlich nicht. Wie solche Bilder aber in der Praxis aussehen können, das zeigt der Kunstverein Region Dahlenburg in seiner Galerie kunstFleck.

„Zeichnen ist Sehen“ heißt die Ausstellung mit Arbeiten von Liane Birnberg: Zeichnungen, Frottagen und Collagen auf Reispapier oder dünnem Japanpapier, knapp oberhalb der Wahrnehmungsgrenze. Sie verweigern sich – zumindest vordergründig – allen Werbestrategien, spielen mit milden Kontrasten, diffusen Flächen, rätselhaften Motiven. Sie wollen erobert werden.

Ein Zweig der Naturphilosophie

„Ich vermittle überhaupt keine Inhalte“, sagt Liane Birnberg, die sich selbst als Alchimistin bezeichnet. Okay, aber was dann? Ein Blick ins Lexikon: Alchemie oder Alchimie bezeichnet ab dem 1./2. Jahrhundert die Lehre von den Eigenschaften der Stoffe und ihren Reaktionen. Sie ist ein alter Zweig der Naturphilosophie und wurde im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts von der modernen Chemie und der Pharmakologie begrifflich abgetrennt. Das Spektrum der Alchemisten reicht aber von praktischen frühen Chemikern und Pharmazeuten, frühen Vorstellungen über den Aufbau der Materie, wozu auch die Umwandelbarkeit von Metallen und anderen Elementen gehörte, über stark mythisch gefärbte Spekulationen bis zu den „Goldmachern“.

Umwandelbarkeit von Materie, das ist so ein Stichwort. Neben dem normalen Bleistift und Aquarellfarben kommen Tee, Ruß und Schellack zum Einsatz, der Untergrund ist nicht nur Farbträger, sondern saugt auch auf, es gibt Wellen, Zufallseffekte, winzige Buchstaben, die sich nicht decodieren lassen, Überlagerungen. Was hier ein bisschen beliebig klingt und natürlich – außer der Angabe der Materialien – auch keine konkreten Titel bekommt , wird von der Künstlerin durchaus zielstrebig verfolgt, eine Arbeit muss auch nach Jahren für sie gültig bleiben, sonst wandert sie in den Mülleimer.

Musikerin und Komponistin

Es geht um das Ausloten von Nuancen, da kommt auch die Musik ins Spiel, konkret: der US-amerikanische Komponist Morton Feldman (1926-1987), ein Freund von John Cage, ein Pionier der grafischen Notation, der mit feinen Verschiebungen arbeitete, allerdings später zur präzisen Notation zurückkehrte. Denn eigentlich ist Liane Birnberg, geboren 1948 in Bukarest, eine Musikerin und Komponistin. Sie studierte Musik, war 1967 bis 1978 Sängerin einer der ersten Frauen-Popbands Europas, komponierte für die Filmbranche, emigrierte (nach einem Erdbeben in Rumänien) in die Bundesrepublik, zog weiter nach Lagos und Atlanta, kehrte schließlich zurück nach Deutschland, lebt heute in Berlin. Sie wurde europaweit mit Stipendien und Preisen ausgezeichnet. Der Lebenslauf eines selbstbestimmten Menschen also.

Die Ausstellung „Zeichnen ist Sehen“ läuft bis 20. Mai, geöffnet jeweils sonnabends/sonntags von 14 bis 18 Uhr.

Von Frank Füllgrabe