Donnerstag , 24. September 2020
Finale: Fabian Müller und die Lüneburger Symphoniker spielen das Zweite Klavierkonzert von Johannes Brahms. (Foto: t&w)

Gegen die Spießbürger

Lüneburg. „Davidsbündler“ als Motto des 5. Meisterkonzertes erinnerte daran, dass der deutsche Romantiker Robert Schumann einer der bedeutendsten Kämpfer seiner Zeit gegen Spießbürgerliches und für neue Kunstideale war. Er tat seine zukunftsweisenden Ansichten mithilfe seiner Poesie, seiner Musik, seinen musikalischen Schriften und der Gründung eines Künstlerzirkels lebender und bereits verstorbener Mitglieder kund, Davidsbündler genannt nach dem biblischen Besieger altväterlicher Philister.

1840 heiratete der in seinem Leben von Melancholie und seelischen Krisen geschüttelte 30jährige Komponist die 21jährige Clara Wieck, die Tochter seines Klavierlehrers, die zur berühmtesten Pianistin, Komponistin und Organisatorin eigener Konzerte des 19. Jahrhunderts avancierte und nach dem Tode Schumanns 1856 dessen Werk herausgab. Sie, ebenfalls eine Davidsbündlerin, förderte wie ihr Mann den jungen Johannes Brahms, mit dem sie bis an ihr Lebensende 1896 befreundet blieb. Clara Schumanns Opus 4, Valses romantiques pour le Piano leitete das Programm der Lüneburger Symphoniker ein, das die C-Dur-Sinfonie op. 61 ihres Ehemannes in den Mittelpunkt stellte und dann mit dem grandios vitalen Klavierkonzert B-Dur op.83 von Johannes Brahms endete.

Tänzerische Zartheit

Generalmusikdirektor Thomas Dorsch hatte die von der erst 16-jährigen Pianistin 1835 vollendeten Valses einfühlsam für Orchester arrangiert. Der Klang dieser leichtfüßig schwingenden Musik, die von Motiven Carl Maria von Webers oder Franz Schuberts inspiriert ist, blieb in der detailbewussten Interpretation durch die Symphoniker transparent und betonte deren tänzerische Zartheit.

Sperriger muss die 2. Sinfonie Robert Schumanns wirken, die er 1845 in wenigen Wochen schrieb, nach späteren eigenen Worten „noch halb krank“. Bachs Kontrapunktik und Beethovens Motivtechnik standen in diesem teils gespreizt anmutenden, teils phantasiereich poetisierenden, am Ende herrlich frohlockenden Werk Pate. Entspannend, dass bei diesem Versuch Schumanns, die Kompositionsweisen seiner großen Vorgänger weiter zu entwickeln und mit modernen Techniken zu vereinen, sich immer wieder romantische Motive durchsetzen.

In jedem Augenblick beseelt

Zuletzt Brahms zweites Klavierkonzert, dessen Solopart der junge, als großartiges Klaviertalent gefeierte Kölner Pianist Fabian Müller hinreißend interpretierte. Der Stipendiat der deutschen Stiftung Musikleben musiziert in jedem Augenblick beseelt, ohne dem artistischen Selbstzweck des Solos Raum zu lassen. Überraschend zart, dann wieder höchst wuchtig ist sein stets kultivierter, wohlklingender Anschlag.

Brahms klang in jeder Hinsicht hochdifferenziert, massiv und energisch, enthusiastisch und gelöst, stellenweise überraschend impressionistisch. Und das Zusammen- und Wechselspiel mit dem Orchester gelang, nicht zuletzt dank Müllers sehr bemerkenswertem Fingerspitzengefühl, unter Dorschs eleganter Stabführung sehr überzeugend. Donnernder Beifall am Ende für alle Beteiligten, und zum Dank spielte der 28-Jährige seine Lieblingszugabe, Brahms‘ „Guten Abend gute Nacht“.

Von Antje Amoneit