Samstag , 8. August 2020
Hubertus von der Goltz präsentiert sein temporäres Wandgemälde „Which Way?“ mit dem typischen balancierenden Figürchen im Mittelpunkt. Foto: ff

Die Balance wahren

Lüneburg. Ein alter Mann steht vor dem Ostpreußischen Landesmuseum, auf einen Stock gestützt, aber aufrecht. Die lebensgroße Eisenguss-Skulptur gehört längst zum vertrauten Lüneburger Straßenbild. Sie stammt von Hubertus von der Goltz und zeigt seinen Vater. Eine andere Arbeit des Bildhauers fällt nicht sofort ins Auge, denn sie führt hoch hinaus aufs Dach, dort balanciert ein Mann auf einem schmalen Grat. Dieser Akrobat, der dort oben sicher nicht freiwillig unterwegs ist, bildet das Markenzeichen des Hubertus von der Goltz, mit solchen Installationen ist er weltweit präsent. Jetzt ist dem 78-Jährigen eine Retrospektive im Ostpreußenmuseum gewidmet.

Silhouetten aus Metall im öffentlichen Luftraum

Seine Metall-Arbeiten stehen in Harderwijk, in Seoul und in Chicago, in Deutschland und in China, sie schlagen eine Brücke zwischen zwei Hochhaus-Dächern oder finden gerade noch Platz zwischen Autobahn-Spuren, sie sind sechs Meter hoch und auch schon mal siebzehn: Hubertus von der Goltz baut gern in großem Format, seine Installationen wollen im öffentlichen Raum ja auch wahrgenommen werden. Eines der spektakulärsten Projekte wäre eine riesige Silhouette auf einer Brücke gewesen, die über die Schlucht des Niagara-Falls von Kanada in die USA führt. „Alles war bereit, aber dann fehlte plötzlich das Geld“, sagt Hubertus von der Goltz – es bleibt der Entwurf, er ist nun in der Retrospektive zu sehen.

Hubertus von der Goltz, geboren im ostpreußischen Kreis Mohrungen, absolvierte zunächst eine Lehre als Klavierbauer, studierte dann in Berlin Bildende Kunst, war hier Gastprofessor. Er fand während eines Italien-Stipendiums wesentliche Impulse für seine Arbeit, die seine Protagonisten schließlich in der Höhe agieren lassen. Die Gratwanderung ist das Kernthema, der Versuch, den richtigen Weg zu gehen und dabei – im konkreten wie im übertragenden Sinne – das Gleichgewicht zu wahren. Ausgehend von der klassischen Skulptur, lässt von der Goltz seine Frauen und Männer in die Ferne entschwinden.

Sie verlieren ihre dreidimensionale Körperlichkeit, wenn auch nicht ihre Identität als Frau oder Mann, und erobern als Silhouetten den Luftraum, der nun – neben dem Werk an sich und der ungewöhnlichen Betrachter-Perspektive – zum dritten prägenden Element der Inszenierung wird. Keine klassische Möblierung eines Stadtbildes mit Kunstobjekten also, eher die metallgewordene philosophische Grundfrage des Königsbergers Immanuel Kant: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Manchmal endet der schmale Pfad im Nichts. „Der Einzelne und seine Balance zwischen Denken, Handeln und Sein“, so hat Hubertus von der Goltz das Ziel seiner Suche beschrieben.

Gedankenbaum und Wandgemälde

Der Künstler fühlt sich Lüneburg verbunden. Er gestaltete 1988 die erste Sonderausstellung zur Eröffnung des Ostpreußenmuseums. Jetzt hat er zwei Wochen lang im Haus gearbeitet, um alle Exponate und Installationen selbst zu platzieren. Dazu gehört ein zentraler „Gedankenbaum“, der in alle Richtungen des Raumes weist, eine Wandmalerei, die natürlich temporär ist, also eines Tages wieder übermalt wird, und dazu gehören auch drei Metall-Büsten aus früheren Zeiten; sie zeigen immer den gleichen Mann, einen Freund, in seinen verschiedenen seelisch-charakterlichen Erscheinungsformen. Manche Arbeiten dienten einst als Entwurf für ein Außenprojekt, andere stehen für sich.

Was den Kunst-Kurator Dr. Jörn Barfod besonders freut: „Hubertus von der Goltz hat uns alle hier gezeigten Kunstwerke geschenkt.“ Die Retrospektive „Balance und Perspektiven“, zu der auch ein Film über den offensichtlich weitgehend schwindelfreien Künstlers gehört, läuft bis zum 6. Oktober.

Von Frank Füllgrabe