Dienstag , 29. September 2020
Mirko Bonné reist nach Fehmarn, Annette Pehnt (rechts) nach Amrum. Martina Sulner reist einen Abend lang mit. Foto: t&w

Fehmarn bleibt fremd

Lüneburg. Sehnsuchtsorte können Fernwehorte sein. Galapagos, Sansibar, Taj Mahal – lauter geheimnisvolle Verheißungen. Sehnsuchtsorte können aber ganz nah liege n und oft besuchbar sein. Am besten eignen sich Inseln. Der mare Verlag hat dem Thema eine ganze Reihe gewidmet. Zwei Beispiele – „Mein Amrum“ und „Mein Fehmarn“ – waren jetzt Thema im Heinrich-Heine-Haus. Fehmarn-Autor Mirko Bonné stört aber das „Mein“ im Titel seiner Inselerschreibung.

Sein Fehmarn ist es nicht, immer bleibt er ein Reisegast. „Die Fehmarner oder Fehmaraner, es geht beides, sind höflich, auch großzügig, aber nie offenherzig“, sagt Bonné, 1965 in Tegernsee geboren, schon früh in Hamburg lebend. Er verstehe Fehmarn bis heute, nach wohl 30 Reisen, nicht. Was die Faszination Fehmarn ausmacht, will Moderatorin Martina Sulner wissen. Von Sommerwäre und Stille spricht Bonné und von einer seltsamen beruhigenden Muße.

Bonné, 2014 in Lüneburg im Rahmen der Literatour Nord, hat sich als Lyriker, Romancier und Übersetzer einen Namen gemacht. Er war für den Deutschen Buchpreis nominiert („Wie wir verschwinden“), erhielt den Marie-Luise-Kaschnitz-Preis und einige mehr.

Facetten der Inselgeschichte

Sein Fehmarn-Buch sei ein Memoirenbuch. Tatsächlich erzählt Bonné wie ein teilnehmender, reflektierender Beobachter immer wieder vom Jungen Marko, der sich die Insel erobert. Zugleich steigt Bonné in Facetten der Inselgeschichte ein: der Untergang der Niobe, der Fehmarn-Maler Ernst Ludwig Kirchner, das letzte Konzert von Jimi Hendrix, die stets die Nazizeit verklärende Witwe Lina Heydrich bekommen Kapitel. Zentral aber bleibt in dichter, atmosphäre­starker Sprache das eigene bzw. Markos Erleben von Sonne, Sand und Bauernhof.

Was ihn an Fehmarn nerve, lautet Martina Sulners Schlussfrage: „die Kulturlosigkeit“. Bonné hat sie in gewisser Weise erfahren. Er stellte sein Buch im Kino des zentralen Inselorts Burg vor: „Zwölf Zuhörer.“

An Amrum, sagt Annette Pehnt, nerve sie eigentlich gar nichts. Wenn, dann die Bebauung im Hafenort Wittdün und das seit Jahren geschlossene Teehaus am Norddorfer Watt. Pehnt, 1967 geboren, war auch mit der Literaour Nord in Lüneburg, schon 2003. Da war ihre Amrum-Liebe noch jung. Als Kind erkundete sie allsommerlich Inseln, immer neue. Heute „bin ich vollkommen ignorant gegenüber allen anderen Inseln“, sagt die Autorin, die einen langen Ritt bis Amrum hat, sie lebt in Freiburg. Pehnt schreibt und lehrt, war und ist viel unterwegs, unter anderem erhielt sie den Hermann-Hesse-Preis.

Insulaner haben Wurzeln

Ihr Amrum-Buch gliederte sie in zehn „Amrum-Zustände, die ich mag“. Es sei auch ein Buch über ihre Poetik. Kapitel heißen zum Beispiel „Verirren, verlieren“, „Nebensachen“, „Übergänge“. Pehnt beschreibt eine Amrum-Reise mit ihrer Hündin. Ihr konkretes Erleben von Sand, Wind und Weite verwebt sie oft mit Gedankenläufen etwa über das Ankommen, das Erzählen. Auch bei Pehnt scheint das Erschreiben der Insel zugleich Erinnerungsarbeit und Selbstvergewisserung zu sein. Wie Bonné ist die Stille ein Punkt, der sie an Amrum fasziniert, dazu „Landschaftserlebnisse, die ich so nie hatte“.

Insulaner haben Wurzeln, heißt es einmal an diesem Abend. Gäste bleiben Fremdenverkehr. Das Fremdbleiben aber gehört zu einem Sehsuchtsort dazu. Wer seine Insel versteht, hat sie zugleich verloren.

Von Hans-Martin Koch