Sonntag , 20. September 2020
Jenniffer Kae meldet sich zurück, ist von der englischen zur deutschen Sprache gewechselt. Foto: privat

Ein Moll in der Dur-Welt

Lüneburg. Als Soul-Hoffnung, Soul-Sirene, Sexy-Newcomerin wurde Jenniffer Kae bezeichnet, als sie 2008 mit „Little White Lies“ die Radiostationen der Republik stürmte. Bei der Castingshow „Star Search“ hatte der in Vögelsen lebende Produzent Peter Hoffmann (Tokyo Hotel, Lina Larissa Strahl) die Sängerin mit der Soulstimme entdeckt und mit Kollegen ihr Album „Faithfully“ produziert. Kae und Hoffmann sind bis heute eng befreundet, auch wenn die in Lüneburg und Berlin lebende Sängerin sich entschied, eine Auszeit zu nehmen und einen eigenen Weg zu gehen. Jetzt kommt Jenniffer Kae mit eigenen Songs zurück.

Rund zehn Jahre bis zum zweiten Album, eine lange Zeit . . .
Jenniffer Kae: Und doch war ich eigentlich immer da. Ich habe mir zeitweise sehr viel Druck gemacht. Wo aber ganz viel Ehrgeiz ist, ensteht Druck einer Art, die nicht gut tut. Ich hatte irgendwann mit Leuten zu tun, bei denen es egal ist, ob sie Musik oder Waschmaschinen verkaufen. Ich war weit weg von meiner Selbstbestimmtheit, musste viel lernen und bin dann aus dem Apparat ausgestiegen. Ich habe mir gesagt, dass ich nur wieder einsteige, wenn ich es zu meinen Bedingungen machen kann. Dass es jetzt wieder mit einem Major-Label klappt, ist natürlich großartig.

Wenn Sie sagen, Sie waren immer doch da, meinen Sie Live-Auftritte, zum Beispiel als Backgroundsängerin.
Ich habe rund hundert Konzerte im Jahr gespielt, war nie zuvor so busy. Ich war mit Cro unterwegs, mit Lena, mit Matthias Schweighöfer und anderen. Es hat mich erfüllt, manchmal kam ich mir im Bandbus und Backstage vor wie die große Schwester. Ich kam lange nicht auf die Idee, etwas Eigenes zu machen.

Dann kam das aber doch.
Und das im stillen Kämmerlein. Wenn man sechs Wochen auf Tour war, nie allein ist, lebt man in einer Parallelwelt, muss sich hinterher zusammenschrauben. Ich habe oft nur mit meiner Gitarre auf dem Sofa eigenen Ideen nachgehangen, die sich zu Liedern entwickelten.

Warum der Wechsel von englischen Titeln wie Ihrem Hit „Little White Lies“ zu deutschen Texten?
Das kam eigentlich sehr schnell. Ich habe öfter für andere Künstler deutsche Texte geschrieben, merkte, dass es anders ist, echter. Bei den nachdenklicheren Stücken von Cro, der ja deutsche Texte singt, ging mir so das Herz auf, dass ich merkte, wie nah mir die Sprache ist.

Wie kamen Sie nun wieder an einen Plattenvertrag?
Bei einem Gig in Berlin hörte ich den Gitarristen Hannes Butzer, dessen Spiel ich besonders fand. Ihm wiederum gefiel meine Stimme. Als er mich fragte, was ich brauche, sagte ich spontan: einen Produzenten. Das mache ich auch, sagte Hannes. Kurz darauf trafen wir uns in seinem Wohnzimmer, produzierten zwei Songs. Er schickte sie rum – und zwei Monate später war ein Plattenvertrag da.

Das Album erscheint im Mai. Das erste Lied, das Sie jetzt vorab herausbrachten, heißt „Chamäleonmädchen“. Dieses oft in sich gekehrte, dann wieder kämpferische Kind im Video, damit meinen Sie doch sich selbst, oder?
Ja sicher. Wenn ich allein in meiner Wohnung bin, spüre ich, wie wichtig und gut es ist, sich selbst in den Arm zu nehmen, sich auch mal zuzugestehen, melancholisch zu sein. Man kann es doch positiv annehmen, in einer Dur-Welt auch mal ein Moll zu sein. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen den Mut haben, ihre Schwäche zuzulassen. Aber das Stille ist nur ein Teil von mir.

Spielt dieser Teil eine wesentliche Rolle auf dem Album?
Der größere Anteil der Lieder, die ich geschrieben habe, zum Teil mit Hannes Butzer, sind sicher Balladen im Mid-Tempo, wir haben sie auf einer Tour mit Tina Dico getestet. Aber insgesamt wird das Album sehr dynamisch. Es erscheint im Mai, noch vor der Tour.

Ihre jüngere Schwester Laura singt im Duo S!sters beim Eurovision Song Contest für Deutschland. Gibt es so etwas wie Konkurrenz zwischen ihnen?
Überhaupt nicht. Wir sind komplett unterschiedliche Typen, unterstützen uns, wo wir können, halten als Familie zusammen.

Im Mai geht Jenniffer Kae auf Clubtour. Sie tritt unter anderem in Köln, Leipzig und Berlin und am 21. Mai in der Hamburger Nochtwache auf.

Von Hans-Martin Koch