Sonntag , 27. September 2020
Shakespeare komprimiert: Szene mit Thomas Niehaus, Nicki von Tempelhoff und Pascal Houdus in der Regie von Stefan Bachmann. Foto: Krafft Angerer

Nur die Maske wechselt

Hamburg. Es ist alles bereitet: Intrige, Demagogie, Hybris, Narzissmus, Despotie, Mord, das ganze Programm. Shakespeare hat in seinen Königsdramen die politische Palette von Macht und Missbrauch ausgeschöpft. Die Stücke werden heute nicht mehr gespielt – mit seltenen Ausnahmen. John von Düffel macht was draus, er hat aus drei der Dramen ein Kondensat geschaffen, es „Rom“ überschrieben, und nun wird das Werk im Thalia Theater zelebriert.

Regisseur Stefan Bachmann und Matthias Günther haben einen Dreiteiler geschneidert: Verachtung nach „Coriolan“, Verrat nach „Julius Cäsar“, Vernichtung nach „Antonius und Cleopatra“. Am Anfang säugt die vielzitzige „Wölfin“ Volumnia (Nicki von Tempelhoff) die Brut, aus der Hass und Tod kriechen werden. Das sind der Feldherr Caius Marcius Coriolan (Thomas Niehaus) und sein Widerpart Auffidius (Pascal Houdus). Sie bewegen sich auf einer von Olaf Atmann gebauten dreieckigen Rampe, die wie ein golden patinierter, aus der Krone gebrochener Zacken wirkt. Sie hebt und senkt sich. Wer gerade oben in antiker Statuenpose triumphiert, stürzt schnell in die Versenkung.

Die Geschichte wiederholt sich

Zwar wird auch von Demokratie geredet, aber das Volk da unten, das Coriolan als „Schwarmdummheit“ schmäht, ist nichts als Masse. Später wird das Licht im Saal angehen, das Volk sind nun wir im Parkett. Oben reihen sich Monologe und Dialoge. In ihnen flechten sich Roms Feldherren, während sie sich an die Macht morden, verbale Kränze der Rechtfertigung. Geschichte wiederholt sich, jeder Kandidat biegt sie sich zurecht.

Diese langen, mitunter sehr langen Gesellen- und Meisterstücke der Demagogie werden deklamiert, wirken oft leblos, auswendig gelernt. So tritt die Hohlheit der Phrasendrescherei hervor. Leben flackert auf, wenn die Gier ausbricht und sich nicht mehr mit Sätzen zähmen lässt.

Der Ansatz des Abends ist intellektuell, szenisch wird er ins Groteske abgeleitet. Die Kostüme (Jana Findeklee, Joki Tewes) spielen mit. Beim dritten „Cleopatra“-Part tragen die Figuren eine Art protzige „Armani“-Fototapete mit schönsten Motiven der Renaissancemalerei.

Und was macht das Volk?

Thomas Niehaus, der zuerst den Coriolan spielt, wird im zweiten Abschnitt in einer absurden Choreographie als Julius Cäsar ermordet und zeigt sich zum Ende als Oktavius Cäsar dem Volk. Er hält die ihrer Macht beraubte Cleopatra (Pascal Houdus) fest an der Hand und zischt ihr zu „Winken!“ Ja, wie Donald und Melania, auf diese Anspielung durfte man warten…

Stefan Bachmann hat ein pessimistisches, wie zur Shakespeare-Zeit nur von Männern gespieltes Lehrstück über Mechanismen der Macht geschaffen. Sie maskiert sich nur immer neu. Und was macht das Volk? Beim Blick nach rechts, nach links, nach vorn, nach hinten zeigt sich: Mehrfach hat Somnus, der Gott des Schlafes, zugeschlagen. Theaterschlaf ist ja eigentlich die Höchststrafe. Aber hier passt er sogar: Wenn die Despoten ihre vergiftenden Worte geschickt ins Ohr des Volkes träufeln, bis es pennt, dann haben sie freie Bahn.

Langen Beifall gibt es am Ende dieses erschöpfenden, pausenlose zwei Stunden zwanzig Minuten dauernden Abends.

Von Hans-Martin Koch