Dienstag , 29. September 2020
Tülin Pektas feiert am Freitag als „Elisabeth“ Premiere. Foto: t&w

Das kleine Stück vom Glück

Lüneburg. Tülin Pektas hat auf einem Blatt Papier notiert, was ihr wichtig ist an Elisabeth, der wichtigsten Rolle, die sie in dieser Spielzeit am Theater Lüneburg übernommen hat. Um Elisabeth rankt sich Ödön von Horváths „kleiner Totentanz“, so der Untertitel zu „Glaube, Liebe, Hoffnung“. Premiere ist am 29. März. Karten gibt es noch.

Wie die Politik unten bei den Menschen ankommt, das hat keiner so pointiert wie Ödön von Horváth. Er schrieb seine Stücke in den 1930er-Jahren, als die Arm-Reich-Schere immer weiter aufging, und es kein Netz gab für die Stürzenden. Das kleine Stück vom Glück, dem Horváths traurige Helden hinterherjagen, werden sie nicht erlangen.

Elisabeth will ihren Körper an die Anatomie verkaufen, angeblich, um den Wandergewerbeschein zu bezahlen. Tatsächlich muss sie eine Geldstrafe bezahlen, weil sie ohne den Schein erwischt wurde. Der kleine Schwindel, die „weiße Lüge“, wie es Tülin Pektas nennt, fliegt auf. Elisabeth muss ins Zuchthaus, und das ist nicht das Ende der abwärts drehenden Spirale.

Ein Opfer der Verhältnisse

Sicher, Elisabeth ist ein Opfer der Verhältnisse, aber nicht nur. Tülin Pektas, im dritten Jahr am Theater, charakterisiert ihre Rolle so: „Elisabeth ist leichtsinnig, sie ist mutig. Sie hat keine Lust, sich einer Männerwelt zu unterwerfen, sie bewahrt ihre Selbstständigkeit und das in dieser Zeit.“ Horváth schrieb sein Stück 1932.

„Glaube, Liebe, Hoffnung“ wandelt den Paulus-Spruch der Bibel ab, den kirchlich heiratende Paare nur zu gern als Trauspruch wählen: „Glaube, Hoffnung Liebe“, und weiter „am größten unter ihnen ist die Liebe“. Elisabeth wird eine Liebe finden, gespielt von Christoph Vetter, aber auch sie wird scheitern.

Ödön von Horváth dreht das Volksstück um. An die Stelle gemütsamer Biederkeit rückt er – oft mit bitterer Situationskomik – einen schonungslosen Befund gesellschaftlicher Realität. Seine Figuren sind kleine Beamte, Karusselldreher, Prostituierte, kleine Ganoven und protzende Gewinnler. Sie sind kantig, etwas holzschnittartig, prototypisch, aber im deutlich hervortretenden Kern wahrhaftig.

Knappe, dialektgefärbte Alltagssprache

Den Figuren Leben zu geben, ist Aufgabe von Regisseur Thomas Ladwig, der in Lüneburg unter anderem die beeindruckende „Medea“ inszenierte. Ladwig überführt Horváths knappe, dialektgefärbte Alltagssprache ins Hochdeutsche. Bühne und Kostüme gestaltet Martina Stoian, die für viele Theater abeitet, aber auch Festival-Gelände gestaltet, zum Beispiel „A Summer‘s Tale“ im Eventpark Luhmühlen.

Tülin Pektas hört zur Vorbereitung viele Lieder von Georg Kreisler. In „Vierig Schilling“ sinniert der Wiener darüber nach, was der Mensch wert ist. Etwa sieben Euro also, anders gesagt: Was zählt schon ein Menschenleben? So viel hat sich womöglich seit Horváth gar nicht geändert.

Horváths Tod könnte aus einem seiner Stücke stammen. Er wurde 1938 in Paris von einem Ast erschlagen. Der Bestatter richtete dem Autor auf eigene Kosten ein Begräbnis erster Klasse aus; nur hatte er das Geld zuvor geklaut und landete im Gefängnis.

Von Hans-Martin Koch