Sonntag , 27. September 2020
Der impulsive Ikarus (Richard Erben, li.) und der introvertiertere Francis (Yves Dudziak) bilden die „coolste WG“ in der Klinik. Foto: Theater/Wege

Das Leben ist noch so jung

Lüneburg. Nie im Leben wären sie Freunde geworden. Ikarus kommt aus der „Keine Ahnung oder was, Alter“-Krassfraktion. Francis ist eher so der Chopin-Etüden spielende Gedichteschreiber. Aber Ikarus ist jäh abgestürzt, sitzt im Rollstuhl und wird nicht mehr laufen. Francis haben die Gene erwischt, Schub um Schub reißt ihn die Multiple Sklerose tiefer in den Abgrund. Sie sind „Mongos“, wie das Stück heißt, das jetzt im T.3 des Theaters eine gute Stunde lang Schicksalsfreunde zeigt.

Ikarus und Francis, beide wohl so um die 16, lernen sich in der Reha kennen. Bühnenbildnerin Kristel Bergmann hat einen Mix aus Wartezimmer und Klinikflur – Station 7A – auf die Spielfläche gestellt. Hier reden die Jungs, „die coolste WG der Klinik“, nicht nur, aber meistens über Frauen, womit sie Sex meinen, der wiederum für ihren Hunger auf Leben steht.

„Mongos“, ein preisgekröntes Stück von Sergej Gößner, ist keinen Moment sentimental. Regisseurin Jule Kracht achtet peinlich genau darauf, es nicht auf die Mitleidsschiene geraten zu lassen. Alles wirkt sehr realitätsnah.

Sie kämpfen um die Lust am Hier und Heute

Wie schwer die Situation für die Jungs ist, muss in dem Wechsel von erzählendem und szenischem Spiel gar nicht herausgehoben werden. Es ist nicht leicht, sein Schicksal anzunehmen. Schon gar nicht, wenn das Leben noch so jung ist. Es geht in „Mongos“ immer um den Kampf, sich die Lust am Hier und Heute zu erhalten oder sie wieder zu erobern.
Die Sprache ist direkt, manchmal drastisch. Das ist die Sache von Ikarus. Richard Erben, Gast am Theater, zeigt Ikarus als impulsiven, aufbrausenden Jugendlichen in Bomberjacke, der seinen Schmerz und seine Sensibilität mit Lautstärke überdeckt. Wie rissig diese Verpanzerung ist, macht Erben in jedem Satz, in jeder Geste klar.

Yves Dudziak hat den leisen, etwas schwierigeren Part. Er lässt Francis eher weichlich, introvertiert und ernsthaft wirken. Francis weiß um seine Aussichten. Die unerwartete Freundschaft schockt und fasziniert ihn gleichermaßen, holt ihn aber auch aus seiner stilisierten Poeten-Pose.

Irgendwann läuft jede Reha-Zeit ab

Dudziak wechselt im Laufe des Stücks mehrfach nahtlos die Rolle, ist mitten im Dialog plötzlich kurz der Psychotherapeut oder Jasmin, die Frau, in die sich Ikarus verliebt. Mit diesen ansatzlosen Übergängen knackt das Team den etwas vorhersehbaren Verlauf auf. Gleiches leisten Musik (Mart Barczewski) und Videos (Salar Silo).

Irgendwann läuft jede Reha-Zeit ab. Das Schicksal, zeigt die letzte Szene, spinnt seinen Faden weiter. „Mongos“ richtet sich an Besucher ab 14 Jahren, bekommt zur Premiere langen Beifall. Für die nächste Vorstellung am Mittwoch, 27. März, 20 Uhr, gibt es noch „Restkarten“.

Von Hans-Martin Koch