Freitag , 18. September 2020
Drei Schöne und ein Biest: LaLeLu im Kulturforum Gut Wienebüttel. Foto: t&w

Der Mann an sich ist tragisch

Lüneburg. Gibt es – für den durchschnittlichen Mann – etwas Wichtigeres als Sex? Nun, da muss er schon ein bisschen nachdenken. Also gut: Erotik. Aber sonst? Liebe natürlich, aber das ist ja alles nicht voneinander zu trennen. Fest steht: Was da zwischenmenschlich so abläuft, beziehungsweise in vielen Fällen eben nicht, das ist und bleibt das unerschöpfliche Thema Nummer eins, auch auf der Bühne, jetzt um ein einige aktuelle Facetten erweitert von dem Hamburger A-cappella-Quartett LaLeLu im vollbesetzten Kulturforum Gut Wienebüttel.

Wartezeit bis zu zweihundert Jahre

Früher sorgten Schützenfest und Feuerwehrball zuverlässig dafür, dass er und sie zueinander fanden. Heute ist das schwieriger, schuld sind die Dating-Plattformen im Web. Wo das Angebot einsamer Singles in die Millionen geht, bleibt der Suchende meist solo. Alle elf Minuten, statistisch gesehen, zündet es bei uns, verspricht Parship. Das ist bei so vielen Kunden, wenn man nachrechnet, keine gute Quote, da kann die Wartezeit schon mal mehr als zweihundert Jahre dauern.

LaLeLu stellt so ein paar tragische Figuren vor, die allen Mut zusammennehmen, und sich zur Debatte stellen: „Love me, Tinder“ singt ein trauriger Elvis-Verschnitt. Ein andermal geht ein Horst-Schlämmer-Typ (siehe Hape Kerkeling) auf die Bühne. Auch dieser Mann, der dauernd verlegen an seinem zu engen Pullunder herumzuppelt, wird wohl keine abbekommen.

„Die Schönen und das Biest“

A-cappella-Gesang ist seit Jahren trendy, Comedy sowieso, und mit der Kombination kann ein Ensemble eigentlich nichts falsch machen. Musikalisch ist das Quartett, 1994 gegründet und in der Besetzung relativ stabil, zwischen Mezzosopran und Bass souverän, punktgenau, perfekt aufeinander eingespielt. Die reinen Gesangsnummern bekamen im Kulturforum noch mehr Applaus als die mit dem erhöhten Comedy-Faktor. Im Gegensatz zu den Kollegen von Maybebop ist bei LaLeLu neben Frank Valet, Jan Melzer und Tobias Hanf auch eine Frau dabei, das ist seit 2008 Sanna Nyman, was die dramaturgischen Möglichkeiten erheblich erweitert. Tourneetitel: „Die Schönen und das Biest“, einfach ein origineller Titel.

Die Fallhöhe bei LaLeLu ist groß, denn das Quartett kann mal eben reichlich peinlich und dann gleich darauf ziemlich genial sein. Sich über Uelzen als Inbegriff der Provinzialität lustig zu machen, darüber kann in Lüneburg längst niemand mehr lachen, das sollte altgedienten Profis nicht passieren. Einen Forscher, der über das Liebesleben der Tiere referiert, als „Vögelkundler“ vorzustellen, ist genauso billig. Aber das ist eben La­Le­Lu, denn dieser Vögelkundler gibt dann eine erstklassige Max-Raabe(!)-Persiflage und führt mit pointierten Texten zu Schimpansen, die gern mal Gruppensex betreiben, und zu Kleintieren, die dauernd wollen und können. Merke: Nur zwei Prozent aller Tiere leben monogam.

Opern-Spaß mit dem Bierkönig

Wo der vordergründige Witz weggelassen wird, macht LaLeLu richtig Spaß, bei der schrägen Oper „Der Bierkönig“ beispielsweise, der irgendwo zwischen Zauberflöte und Zigeunerbaron anzusiedeln ist. Und da ist dann auch zwischendurch mal Platz für ein afrikanisches Lied, begleitet mit einer kleinen Djembe, ganz ohne Brimborium, wunderbar. Dass der Mensch im Grunde noch die Sprache der Neandertaler (grunz, grunz, grunz) pflegt, macht die Truppe an einem Gipfel mit Trump, Merkel, Macron und Co. deutlich, und das ist dann wieder einer der eher flachen Witze. Aber Comedy soll ja auch kein Kabarett sein.

Kleiner Trost für den einsamen Herrn: Das Spinnenweibchen verspeist ihren Partner hinterher. Manchmal, und da muss mann dann doch dem Vögelkundler Ra(a)be recht geben, ist es ganz schön, ein Menschen-Mann zu sein.

Von Frank Füllgrabe