Dienstag , 20. Oktober 2020
Dörte Hansen hält in ihrem Buch fest was schon verloren ist. Foto: t&w

Die Zeit ist ein mächtiger Räuber

Lüneburg. Sie heißen Sterdebüll, Büttjebüll, Addebüll und Wobbenbüll. Die Dörfer gibt es, oben rund um Husum. Dann wäre da noch Katenbüll, wohin es Sven Stricke rs Kommissar Sörensen verschlägt, oder eben Brinkebüll. Dort siedelt Dörte Hansen ihren wunderbaren Roman „Mittagsstunde“ an. Hansen erzählt vom Zerfall der Dorfkultur, von liebenswürdig verschrobenen Menschen, die ihr Leben einem kargen Landstrich abtrotzen. Im ausgebuchten Hanseviertel-Tanzcasino las die Autorin aus ihrem Bestseller, eingeladen von Lünebuch.

Niemand scheibt zurzeit so genau, so nah und doch mit leichter ironischer Distanz über das, was als Provinz gelten mag und so kaum noch existiert. Dörte Hansen kann aus dem eigenen Leben schöpfen, sie kommt vom Dorf und zog wieder hoch nach Nordfriesland, lebt heute in Husum, der Stadt zwischen Watt und Wiesen.

Der Tonfall in „Mittagsstunde“ ist ruhig, die Grundstimmung melancholisch, aber durchzogen von trockenem Humor, er zieht sich durch den Text wie die Wassergräben im weiten nordfriesischen Grün. Das Dramatische reizt Dörte Hansen wie schon in „Altes Land“ nicht völlig aus, auch nicht beim Vortrag. Sie liest pointiert, was vor allem dem unterschwelligen Witz gut bekommt.

Am Anfang war die Flurbereinigung

Das Sterben der Dorfkultur vollzieht sich wie beiläufig und ist dem geschuldet, was Fortschritt heißt. Am Anfang war die Flurbereinigung. Sie planiert das Land, hobelt die Ecken und Kanten, das Markante, das Charakteristische platt. Sie trifft auch die kleinen Bauern, die im Kreis denken, wie Dörte Hansen schreibt. Die immer nur nach vorn denken, pflastern dagegen ihre Hofeinfahrten, bauen Bungalows mit Eternit- statt Reetdächern und errichten riesige Ställe. Sie verlieren darüber den Kontakt zu den Tieren, die keinen Namen mehr tragen müssen.

So etwas wie Flurbereinigung geschieht zugleich bei den Menschen. Die Sonderlinge, die noch zu jedem Dorf gehörten, bekommen mittlerweile eine Diagnose und werden institutionell betreut. Die Dorfschulen verschwinden wie der Gasthof, der im Zentrum des Romans steht, und von dem eine Spur bis Kiel reicht. Ingwer nämlich, der angestammte Gasthof-Nachfolger, steigt um, geht zur Oberschule, studiert, wird Archäologe und lebt seit 25 Jahren in einer Kieler WG aus zwei Männern und einer Frau. Auch da beschreibt Dörte Hansen ohne jede Moralduselei den Zerfall von Strukturen ins Unverbindliche.

Brinkebüll ist überall

Dörte Hansen dreht einen friesischen Spruch um: „Keen nich will dieken, de mutt wieken“, hieß es über den Zwang zum Deichbau. Nun muss weichen, wer sich nicht breiter aufstellt. Die Felder werden größer, die Herden und die Maschinen. Das Leben wird für die, die mitgehen, bequemer, stadtnäher. Parallel ziehen Städter aufs Land und suchen das einfache Leben, das, was sie als ursprünglich definieren.

Alles, was Dörte Hansen in durchaus kalkulierter Manier schreibt, atmet förmlich die Luft des Landstrichs, von dem sie erzählt. Was für ein schöner friesischer Name zum Beispiel: Ingwer, was so etwas wie Krieger Gottes bedeutet. Später wird noch Gönke auftauchen, was sich mit Kampf übersetzen ließ, und gut zu dem Mädchen passt.

Brinkebüll, das Bauerndorf aus einer Schwundregion, hat natürlich viele regionale Entsprechungen, ob im Bayerischen Wald oder im Wendland, wo die Dörfer Zebelin, Schlanze oder Meuchefitz heißen. Brinkebüll ist eben überall.

von Hans-Martin Koch