Freitag , 23. Oktober 2020
Oliver Polak provoziert, polarisiert und testet beim „Try out“ im Salon Hansen, wie seine Gags beim Publikum ankommen. (Foto: t&w)

Darf der das? Der darf das!

Lüneburg. „Try out“, sagt Oliver Polak, und er wird es zwanzigmal sagen an diesem Abend. „Try out“ sagt er nach jedem zweiten Gag, den er reißt. Als Gagtester steht er im Salon Hansen vor einem so kleinen Publikum, wie er es gar nicht kennt. In Kürze wird er auf Kampnagel auftreten, das ist eine ganz andere Hausnummer. Aber jetzt ist ja „try out“, das heißt: Dies ist nicht meine Show, ich probiere nur aus, was an neuen Ideen funktioniert, welcher Witz zieht, welcher schockt und welcher verödet. Es ist alles dabei an diesem Abend.

Polak polarisiert. Tabus aufzuspüren und zu durchbrechen, das zählt zum Grundrepertoire aller Comedians und Witzereißer. Das kann sexistisch und rassistisch sein wie beim 80-jährigen Zotenreißer Fips Asmussen oder eben um einiges subtiler wie nicht immer, aber meistens bei Polak. Er kommt aus einer jüdischen Familie, sein Vater überlebte den Holocaust. Polak hat eine Depression samt Klinik durchschritten. Sein Leben und seine Herkunft macht der 42-Jährige in klassischer Stand-Up-Comedy zum Thema. Dabei schockiert er mit Gags, in denen er vieles, was angeblich oder tatsächlich als jüdisch gilt, an den Rand des Erträglichen führt. Zu prüfen, wo dieser Rand liegt, das gehört auch zum „Try out“. Polak fragt: „Was ist für euch tabu?“ Keine/r mag antworten.

Erfolgreicher Buchautor

Der Comedian greift in seinen Nummern Randgruppen auf, etwa Menschen mit Down Syndrom. So etwas geht ja gar nicht. Polak führt aber – mit Micky Beisenherz – solche Themen vor den Betroffenen auf, dort bekommt seine Stand-Up-Comedy einen anderen Charakter.

Polak als effektheischenden Rabaukenklamauker abzutun funktioniert nicht, auch wenn der Eindruck in so einigen „Try out“-Momenten an diesem Abend naheliegt. Polak bekam den deutschen Fernsehpreis und den Grimme-Preis. Bücher wie „Ich darf das, ich bin Jude“ und „Der jüdische Patient“ liefen sehr erfolgreich. Ernster wird er in seinem letzten Buch „Gegen Judenhass“, in dem er das Anschwellen und schweigende Dulden von Antisemitismus beschreibt. Zeichen gibt es viele: Konzerte von Nazibands, primitive Ausfälle von Rappern wie Kollegah, arabische Demos mit Rufen wie „Juden ins Gas“, Neonazi-Attacken auf ein israelisches Restaurant in Berlins Fuggerstraße und vieles mehr.

Im März auf Kampnagel

Kolumnist bei der „Welt“ ist Polak, und im neuen „Rolling Stone“ schreibt er – als Hardcore-Fan – über die norwegische Band Motorpsycho. Polak also auf den – nur für sich stehend eher ratlos machenden – Abend im Salon Hansen zu reduzieren, greift daneben. Vielleicht hätte der Salon Hansen den „Try out“-Charakter deutlicher machen müssen. Das tatsächliche Programm heißt „Der Endgegner“. Es sollte schon im vergangenen Jahr starten, doch da war Polak sein Buch wichtiger. Auf Kampnagel tritt Polak am 19. März auf.

Im Salon Hansen hatte er mit Dominic Jozwiak einen „Sidekick“ vorab, der etwas verloren gegen die Leere kämpfte. Auf Kampnagel wird Atze Schröder dabei sein, der dröhnende Minipli-Perückenträger aus Essen. Das schmerzt denn doch wieder. Aber Polak ist das so Ungreifbare wie Angreifbare in seinem Konzept recht. Provokation soll nicht im Luftleeren verhallen. Dieser holprige „Try out“-Abend aber, der darf es. . .

Von Hans-Martin Koch