Donnerstag , 22. Oktober 2020
Jens Thomsen im Saal des One-World-Kulturzentrums, das Integrationsarbeit, Dorfkultur und Konzerte verbindet. (Foto: t&w)

Gute Ideen brauchen Zeit

Reinstorf. One World Kulturzentrum, vergangenes Wochenende. Jens Thomsen steht hinterm Tresen, begrüßt auf der Bühne die Band Mischpoke, informiert in der Pause über die „One World“-Idee, macht am Konzert­ende Reklame für kommende Veranstaltungen, verteilt am Ausgang Flyer und setzt sich dann mit dem Gitarristen der Gruppe ans Laptop, um einen weiteren Konzerttermin zu planen. Dem Publikum hat‘s gefallen, der Klezmer-Band, dem Veranstalter. Zum Gespräch über das erste One-World-Jahr hat Thomsen auch Zeit, und ganz wichtig ist ihm: „Ich bin das hier nicht allein.“ Das stimmt.

One World wird von einem gemeinnützigen Verein getragen. Er besteht aus Menschen, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren und Projekte zur Integration auf den Weg bringen. Oberstes Ziel und Anlass zur Gründung des Vereins ist der Aufbau eines interkulturellen Dialogs, mit Konzerten, Gesprächen, Vorträgen, Ausstellungen, Filmen, Theaterprojekten. Es gibt noch weit ehrgeizigere Projekte. Der Verein will ein „innovatives Bildungsprojekt der beruflichen Erstausbildung“ aufbauen. Kurz gesagt, sollen Geflüchtete eine Berufs- und Arbeitsperspektive erhalten.

Das Ausbildungsprogramm läuft unter dem Kürzel EYWOC, es steht für „Enter Your World Of Culture“. Ausbildungsberufe sollen etwa in den Bereichen Veranstaltungsmanagement und Gastronomie/Hauswirtschaft entstehen. Weitere Ideen gehen in Richtung Bioladen, Gärtnerei und Kunstgewerbe-Shop. Eigentlich wollte das One-World-Team da schon weiter sein, aber es sind doch viele Dinge zu bedenken, zum Beispiel die Kooperation mit den Berufsbildenden Schulen. Die Gespräche laufen laut Thomsen in die richtige Richtung: „Es findet verzögert statt, es wird stattfinden.“

Beitrag zur dörflichen Infrastruktur

Mehrere Kurden aus dem Iran sind in den gastronomischen Arbeitsablauf bereits integriert. Das leitet über zu einem weiteren Anliegen, den Erhalt des ländlichen Gasthofs als Teil der dörflichen Infrastruktur. Vier Jahre stand die Gastwirtschaft leer, das liegt im Trend: Dorfgasthäuser schließen bundesweit. Typisch One World: Die Speisekarte bietet Currywurst, aber auch Fattoush, einen arabischen Salat mit geröstetem Brot.

Das mit Hilfe vieler Sponsoren sowohl mit Möbeln als auch mit Technik gut ausgestattete Haus besitzt einen der schönsten Säle der Region. Genutzt wird dort zum Beispiel eine Anlage, die lange in der Hamburger Fabrik stand, gespendet von Profi Musik. In diesen Tagen kommt ein Flügel hinzu, auch der wird über eine Spende finanziert. Der Saal fasst 200 Menschen, durch – natürlich gestiftete – Sofas ist die Zahl ein wenig niedriger, aber die Atmosphäre „clubbiger“.

Mittlerweile läuft in Reinstorf ein dicht gepacktes Kulturangebot. Immer ist es multikulturell ausgerichtet. Musiker aus Syrien, Iran, Ghana, Kuba und Senegal traten und treten auf, aber auch „Local Heroes“, und zunehmend melden sich immer bekanntere Musiker und Bands, um in Reinstorf zu spielen. Wie jetzt Mischpoke aus Hamburg, eine vierköpfige Band, die ihr Programm „Klezmer High Life“ nennt und entsprechend dynamisch auftritt. Mit (Bass-)Klarinette, Geige, Gitarre und Kontrabass wird viel Mitreißendes gespielt, eindringliche Lieder fügen der Lebensfreude Tiefe hinzu und auch mal Melancholie. Das Konzert war gut besucht – und Zugaben wurden fällig.

„Der Ort spricht sich bei Musikern rum“, sagt Thomsen, „und sie wollen alle wiederkommen.“ Mit Fjarill, Lydie Auvray, Anne Haigis und Ulla Meinecke steigt in nächster Zeit der Promi-Faktor weiter. Der Flügel macht‘s möglich, dass am 24. Februar Stephan Graf von Bothmer einen Stummfilm live begleitet: „Stan & Olli, das Spektakel zum Gesundlachen“.

Zur Sache

Am 3. März wird Geburtstag gefeiert

Das läuft diese Woche: Am Donnerstag, 14., um 19 Uhr kommt die dänische Singer/Songwriterin Line Bögh mit dem „Digital Artist“ Christian Gundtoft, der die Lieder per Paintboard und Beamer begleitet.

Am Tag danach, 15., spielt ab 19 Uhr das Duo Margins of April einen Mix aus Folk, Americana, Rock und Country.

Am Sonnabend, 16., bieten Claus Ulrich & The House Of Secrets ab 19 Uhr Balladen.

Sonntag, 17., 17 Uhr verbinden sich Reportage und Musik im Programm „Die Schätze Havannas. Cuba mit allen Sinnen erleben.“

Der erste Geburtstag wird am Sonntag, 3. März, ab 15 Uhr gefeiert. Das Programm wird – logisch! – den multikulturellen One-World-Charakter unterstreichen.

Von Hans-Martin Koch