Sonntag , 27. September 2020
Jazz-Sängerin Esther Kaiser, im Hintergrund begleitet von Rüdiger Krause. Foto: oc

Lyrischer Jazz veredelt rauhe Protest-Lieder

Lüneburg. Bob Dylan? Das ist doch dieser schlecht gelaunte Liedermacher mit der knarzigen Nölestimme, der seine Never-Ending-Tour nicht einmal für die Verleihung des Literatur-Nobelpreises unterbricht. Wer hätte gedacht, dass die Song von „His Bobness“ auch für lyrischen Jazz taugen, mit sphärischem Gesang und gestrichenem Kontrabass?!

„Songs of Courage“ nennt das Esther Kaiser Quartett sein aktuelles Programm, damit präsentierte die JazzIG Lüneburg im vollbesetzten T.3 des Theaters ihr erstes Gastspiel-Konzert der neuen Saison. Es ist nicht der erste Auftritt der Sängerin in Lüneburg, sie war bereits Gast von Daniel Stickans Reihe „Lebensklänge“ in der St. Nikolaikirche.

Eine Weltenwanderer-Musik

Nun also ein Quartett, das in Wahrheit als Quintett auf die Bühne ging: Zu Rüdiger Krause (Gitarre, Gesang), Marc Muellbauer (Kontrabass) und Roland Schneider (Schlagzeug) kam als Gast Hasan Al Nour aus Damaskus, der das Instrumentarium – und wohl auch den Wortschatz des Publikums – um das Kanun erweiterte. Das Zupfinstrument sieht ein wenig aus wie eine große Zither oder ein Hackbrett und klingt wie eine Keltische Harfe. Die Klänge, die Al Nour zum Teil mit einem Metall-Picking-Fingeraufsatz zauberte, hatte allerdings mit Jigs und Reels wenig zu tun, es sind eher melancholische, manchmal virtuos gespannte Bögen quer über alle Grenzen, eine Weltenwanderer-Musik, die bestens in das Courage-Format passt.

Denn Esther Kaiser, seit 2014 Professorin an der Hochschule für Musik in Dresden, ist eine Sängerin, die gern aus vielen Quellen schöpft. Sie gastierte mit Stücken von Bertolt Brecht auf Berliner Bühnen, beschäftigte sich mit Chansons und Musiktheater. Dazu kommt nun der schier unendliche Singer/Songwriter-Fundes der US-Protestbewegung, angeführt von Bob Dylan, der etwa mit „Master of War“ vertreten ist, über Joan Baez und den britischen Kollegen John Lennon bis zu Hanns Eisler, der mit seiner (im US-Exil komponierten) Ode „An den kleinen Radioapparat“ nach einem Text von Brecht ins Boot geholt wurde. Das Radio ist die letzte Verbindung mit der alten Heimat, die von den Nazis okkupiert wurde.

Swing, Balladen, Pop

Das verbindet Esther Kaiser mit Songs aus Amerika, mit dem „Earth Song“ von Michael Jackson beispielsweise, und mit „Luka“ von Suzanne Vega. So entstehen Collagen, die viele samtige und aufgerauhte Elemente vereinen: abstrakte Silben-Puzzles, Swing, Balladen, Pop, rockige Passagen und orientalische Harmonien türmen sich auf zu einer eigentümlichen, von deutlichen Einschnitten und Stimmungswechseln geprägten, auch mal elektronisch verfremdeten Weltmusik. Sie erfasst den Hörer unweigerlich, obwohl oft die Herkunft der Stücke kaum noch zu erkennen ist. Das könnte zu einer gewissen Beliebigkeit führen, richtet sich aber zuerst an die Ohren, an die Seele, weniger an die Reflektionszonen des Gehirns. Und mal ehrlich: Wer hat die Poesie von Bob Dylan jemals wirklich verstanden?

Von Frank Füllgrabe