Dienstag , 20. Oktober 2020
Premiere: Raimund Wurzwallner alias Tim Tooney alias Novecento ist der Mann auf dem Klavierhocker. Foto: ff

Drama vom Klavierspieler, gespielt im Pianissimo

Lüneburg. Der Schiffs-Musiker mit dem Namen Danny Boodman T. D. Lemon Novecento hat die ganze Welt bereist – und sie doch nicht gesehen, denn er hat die „Virginian“, auf der er geboren wurde, nie verlassen. Selbst als am Ende das marode Schiff auf hohe See gesteuert und dort gesprengt wird, bleibt der Pianist an Bord. Das ist „Die Legende vom Ozeanpianisten“, erzählt und gespielt von Raimund Wurzwallner in der Kulturbäckerei. Eine bizarre – fiktive – Geschichte, die in dem Theatersolo eigenartig authentisch und glaubhaft wirkt, weil sie so unspektakulär präsentiert wird.

Über die ersten Jahre des Jazz

Danny Boodman ist der Matrose, der einen ausgesetzten Säugling auf dem Piano im Tanzsaal der Virginian findet, in einer Obstkiste mit der Aufschrift T. D. Lemon, und das im Jahre 1900 (italienisch: Novecento). So also setzt sich der Name des Jungen zusammen, der sich dann mit acht Jahren erstmals an die Tasten setzt und göttlich zu spielen beginnt. Das ist noch die Zeit des Ragtime, des frühen Jazz, den Novecento wie kein anderer bereichern wird.

Sein Ruf erreicht das Land, die Metropolen. Auch Jelly Roll Morton (ihn gab es wirklich) hört von ihm. Er, der sich doch selbst als Erfinder des Jazz bezeichnet, bucht eine Schiffspassage, um den Nobody zur Battle herauszufordern, zum Wettkampf am Piano. Hier der weltgewandte, egozentrische Dandy, dort der unbegreifliche Sonderling, der mit Mortons Macho-Gehabe und generell allen gesellschaftlichen Strategien nichts anfangen kann.

Eine Schlüsselszene in einem Kammerspiel, in dem Raimund Wurzwallner den Trompeter Tim Tooney spielt – der engste Freund Novecentos. Tooney erzählt, wie der geniale Pianist fast doch einmal das Schiff verlassen hätte, dann aber auf der Gangway umkehrte, und dass sich Novecento bestens auf den Kontinenten auskannte, weil er, der begnadete Musiker, nicht nur die Zusammenhänge in den Harmonien erkennen, sondern auch den Passagieren zuhören konnte. Mikrokosmos, Makrokosmos. In der Buch-Vorlage des Dramatikers Alessandro Baricco wird das Schiff – eine gern gewählte Metapher – zum Miniaturmodell der Gesellschaft: erste Klasse oben, dritte Klasse unten, der Musiker unterhält im Tanzsaal und gibt seine Seele als Künstler den Armen im Schiffsbauch.

Reduktion auf das Nötigste

Das wird in der Inszenierung von Raimund Wurzwallner auf der fast leeren Bühne nur angedeutet. Ein paar Kisten für Lade- oder Maschinenraum, ein Rollhocker, der natürlich für den Klavierschemel auf dem glatten Parkett des Tanzsaals steht. Licht und Ton bedient der Schauspieler nebenbei selbst, dies alles geschieht weitgehend nach den Regeln des italienischen Erzähltheaters („theatro di narrazione“) der Achtziger Jahre: wenig Kulissen- und Requisitenkram, keine großartige Mimen-Kunst, also Reduktion auf das Nötige. „Die Legende vom Ozeanpianisten“ ist hier nur angedeutete Gesellschaftskritik, vor allem geht es um das Studium eines Menschen unter Laborbedingungen.

So spannt sich der Bogen von einem Kind, dessen Name, Wohnort und Geburtsdatum in keinem Formular auftaucht, bis zu einem Endvierziger, der sich verabschiedet hat von allem, was ihm wichtig ist, und nun auf Dynamit sitzt. Das ist berührend, empathisch gespielt und schärft die Sinne für das Pianissimo.

Von Frank Füllgrabe