Sonntag , 27. September 2020
Nino Haratischwili bei ihrem Beitrag zur LiteraTour Nord, vorn Moderator Tilmann Lahme. Foto: t&w

Krieg wirft lange Schatten

Lüneburg. Kriegsverbrechen und ihre Folgen, das ist im Roman wie im wirklichen Leben schwere Kost. Die aus Georgien stammende Autorin Nino Haratischwili hat sich in ihrem Buch „Die Katze und der General“ an ein solches Thema gewagt. Sie schildert, angelehnt an eine wahre Begebenheit aus dem Tschetschenien-Krieg, die Geschichte des Generals Alexander Orlow, der für ein von ihm selbst begangenes Verbrechen Jahre später Sühne will. Haratischwili stellte ihren Roman jetzt im Rahmen der LiteraTour Nord im Glockenhaus vor.

Die Vergewaltigung und der Mord eines jungen Mädchens aus der Provinz verfolgt Orlow bis in sein neues Leben im Exil. Es geht dabei um die junge Nuna, sie wird Opfer eines Exzesses. Soldaten, die sich fernab der Front eigentlich ein paar Tage vom Kriegsgeschehen erholen sollen, töten die junge Frau.

Nuna ist zu Lebzeiten eine Frau mit viel Freiheitsdrang, eine, die aus der Reihe fällt, die sich nicht anpasst. Sie träumt von einem Leben in der großen Stadt, Schauspielerin oder Ärztin könnte sie werden. Weit weg will sie sein von der patriarchalischen Gesellschaft, in die sie hineingeboren worden ist. Doch dann kommt der Krieg, er tötet sie.

Die Schuld bleibt das ganze Leben lang

Der Verursacher der Katastrophe, der General, überlebt die Kampfhandlungen – doch vergessen kann er auch Jahre später nicht, was mit Nuna geschah. Doch wie wiedergutmachen, was nicht ungeschehen gemacht werden kann? Es geht um Schuld und Sühne, um Krieg und Moral und schließlich auch darum, wie unauslöschlich sich die Spur einer schweren Sünde durch das Leben ziehen kann. „Was macht den Menschen zum Täter?“, fragt die Autorin im Gespräch mit Moderator Tilmann Lahme.

Wie sein Vorgänger ist dieser Roman ein gewaltiges Epos mit verschiedenen Zeitebenen und unterschiedlichen Perspektiven. Vieles haben Kritiker daran zum Anlass genommen, um Mängel aufzulisten: Für sprachlich missglückt haben sie das Buch gehalten, die Figuren zu flach, die Geschichte nicht spannend genug. „So vehement wie in diesem Buch bin ich bisher nicht kritisiert worden. Es war eine interessante Erfahrung“, sagt Nino Haratischwili, die seit vielen Jahren in Berlin lebt, auch als Regisseurin arbeitet.

„Kritik kann schon weh tun“

Teilweise harsch fand sie die Kritik, aber die Inhalte, die die Kritiker zum Gegenstand ihrer Rezensionen machten, sind ihr nicht neu. „Mir wird vorgeworfen, ich schreibe mit zu viel Pathos, zu dramatisch und zu emotional. Irgendetwas ist den Kritikern immer zu viel“, sagt sie mit einem Lächeln. Für sie selbst darf ein Buch emotional sein, unterhaltend sowieso. Ihre Leser, sagt sie, mögen ihre Emotionalität – der Bestseller aus dem Jahr 2014 „Das achte Leben. Für Brilka“ hat das bewiesen.

Leicht allerdings nimmt sie die negativen Rezensionen nicht: „Kritik kann schon weh tun. Allerdings gab es ja auch viele positive Stimmen, die mich ermutigt haben.“

Zur abschließenden Lesung der LiteraTour Nord kommt Mittwoch, 6. Februar, 19.30 Uhr Steven Uhly mit seinem Roman „Den blinden Göttern“ ins Heine-Haus.

Von Elke Schneefuß