Montag , 26. Oktober 2020
Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke spricht mit Moderator Tilmann Lahme über das Aufbrechen gängiger Erzählmuster. Das ist ihr in „Archipel“ gelungen. Foto: t&w

Rückwärts nach vorn

Lüneburg. Erinnerung ist in der Regel ein Raum der Verdichtung. Alle Winter waren weiß, alle Sommer heiß. Jahre schrumpfen zusammen zu Anekdoten und traumatischen Erlebnissen. Wie sich Erinnerung aber weiten kann in ein immer breiteres Panorama, das zeigt Inger-Maria Mahlke im Roman „Archipel“, Sie erzählt hundert Jahre Geschichte rückwärts, ein so mutiges wie herausforderndes, geglücktes Experiment, für das Mahlke den Deutschen Buchpreis erhielt. Jetzt las sie im Heine-Haus.

Die aus Hamburg stammende, in Lübeck aufgewachsene Schriftstellerin kam im Rahmen der LiteraTour Nord, die sechs Autoren in sechs Städte schickt. Kooperationspartner in Lüneburg sind das Literaturbüro und die Leuphana, die ein begleitendes Seminar anbietet. Tilmann Lahme von der Leuphana moderierte die „Archipel“-Lesung im vollbesetzten Heine-Haus.

Sie fordert den Leser heraus

Drei Ebenen, fünf Generationen, Teneriffa. Inger-Maria Mahlke forderte sich und fordert den Leser heraus. Die chronologisch rückwärts laufenden Kapitel werden mal aus der Sicht alten Inseladels erzählt, mal aus dem Bürgermilieu und drittens aus Perspektive derer, die für die anderen zu arbeiten hatten. Teneriffa als Ort des Geschehens mag überraschen, aber die Autorin verbrachte fast alle Ferien bei Verwandten im Norden der Insel. Ihr Gespür für Menschen und ihre Geschichten ist in allen Kapiteln spürbar – bis in Details, die wie nebenbei Farbe, Tiefe und Lesegenuss in die Schilderungen flößen.

„Archipel“ erzählt politische und Schicksalsgeschichte am Beispiel einer Insel, „die viele Inseln war, so wie auch wir im Laufe des Lebens verschiedene Menschen sind“, sagt die Autorin. Teneriffa steht für Massentourismus und Demokratie, kapitelweise rückwärtsgehend für Franco-Faschismus bis zum Kolonialismus, der wenige reich machte und die meisten arm ließ. Mahlke lässt spüren, wie sehr sich politischer Wandel im Selbstverständnis und in den Lebensbedingungen der handelnden und betroffenen Menschen niederschlägt.

Personenregister hilft ins Geschehen hinein

Beim Lesen erschließen sich nicht alle historischen Ereignisse, denn wer kennt schon die Geschichte der Kanarischen Inseln jenseits des Wetterberichts? „Ich finde es schwierig, Leser zwangszubeschulen“, sagt Inger-Maria Mahlke. Es helfe sicher, mal bei Wikipedia nachzuschauen. Aber das Buch trägt auch, ohne dass beim Lesen jede Verästelung zu durchschauen ist.

Das gilt auch für Personen, die einige Kapitel weiter erneut auftauchen, aber eben immer in jüngerem Alter. Manche Personen rutschen beim Lesen ins Vergessen, ein Personenregister hilft ins Geschehen hinein. „Archipel“ ist ein Buch, das zu lesen etwas Mühe machen mag, um über das immer weitere Zurückblicken das Gewordensein, das Heute zu verstehen. Inger-Maria Mahlke zeigt, wie komplex alle Geschichte wird, nimmt man sich ihrer ernsthaft und ohne vorgefertigte Haltung an.

Von Hans-Martin Koch