Sonntag , 20. September 2020
Britt Wolfgramm und Mathias Müller-Wolfgramm mit ihrem Ensemble, links Maurice Ravel höchstpersönlich. (Foto: ff)

Ratten sind als Helden ideal

Heiligenthal. Ratten haben traditionell einen schlechten Ruf, sie gelten immerhin als Boten der Pest. Britt Wolfgramm findet die kleinen Nagetiere wunderbar. Denn sie sind klug, aufmerksam und eigentlich überall. Damit eignen sie sich bestens als Theater-Darsteller, zum Beispiel, wenn es darum geht, berühmte Menschen aus nächster Nähe zu schildern. Und das wiederum ist Programm bei Britt Wolfgramms Figurentheater Marmelock.

Joseph Haydn beispielsweise, der auf Schloss Esterhazy logierende Komponist: Durch das Stück „Haydn – geistreich“ führen Bruneau, eine Wiener Kanalratte, und Mathhieu, Nachfahre der berühmten Rattendynastie aus dem Hause Esterházy. Oder Maurice Ravel: Was fällt uns zu ihm ein außer dem ewigen Bolero? Ein unscheinbarer kleiner, stiller Mann, zeitlebens ungebunden, ein Freund von Kindern, Tieren und Spielsachen. Die kleinen Marmelock-Gestalten begleiten den rätselhaften Meister auf einer Schifffahrt 1928 nach Amerika. Das sind aufwändige Inszenierungen, denn sie werden von einem echten Streichquartett der Staatsoper Hannover begleitet. Es spielt Preziosen der Wiener Klassik wie etwa das „Kaiserquartett“ und führt – als Bordorchester des Passagierdampfers „France“ – zu den expressionistischen, oft schwer begreiflichen Klängen Ravels.

Nurejew und der dicke Mops

Demnächst soll Nurejew auf die Bühne, der legendäre russsische Tänzer, hochbegabt und schwierig. Als er 1993 starb, hinterließ er Oblomow, einen übergewichtigen, kurzbeinigen, melancholischen Hund. Britt Wolfgramm plant nun, einen Mops in Nurejews Garderobe zum Hauptdarsteller zu machen. Und dazu dann russische Ballettmusik, Tschaikowsky zum Beispiel.

Im Februar wird ein veritabler Krimi Premiere feiern, mit klassischem Plot: Menschen in einem abgelegenen Hotel, ein Opfer, viele Verdächtige. Dies alles sind Geschichten, die sich an größere Zuschauer richten. Aber natürlich hat das Figurentheater auch Geschichten für Kleine im Reisegepäck, wie etwa das Schneewittchen und die Wetterhexe Potzblitz, eine moderne Frau Holle.

Der Puppenspieler bleibt sichtbar

Das 1986 gegründete Theater Marmelock, der (etwas abgewandelte) Name stammt aus dem Gedicht „Fauler Zauber“ von Erich Kästner, ist im Kern ein Ehepaar; erstens: Puppenspielerin Britt Wolfgramm, Tochter des Kriminalhauptkommissars und Zauberweltmeisters Mr. Cox (1932-2012), ist also mit Bühnen-Magie aufgewachsen, erweiterte ihre Ausbildung zur Grafik-Designerin um zwei Jahre Lehre bei Fritz Fey, dem Begründer des Theaterfigurenmuseums Lübeck. Zweitens: Mathias Müller-Wolfgramm, Innenarchitekt, zuständig für Bühne, Licht Technik, Fotografie und – im Falle Ravels – auch mal für Schiffbau. Seit einigen Jahren ist das Mr.-Cox-Haus in Heiligenthal das Domizil der Wolfgramms.

Britt Wolfgramm und ihre Kolleg(inn)en führen die Figuren offen, ohne Versteck, übernehmen auch selbst mal Rollen, das ist heute in der Branche Standard. Früher wurde hinter einer Vorhang-Wand nach oben heraus gespielt, siehe Kasperle-Theater, später verlagerte sich das Geschehen auf einen Tisch, heute sind alle Varianten denkbar – Hauptsache, der Zauber kann sich entfalten, meistens vergisst man als Zuschauer schon bald die Macher hinter den Helden. So etwas ist besonders reizvoll, wenn, wie bei dem „Haydn“, die Ratte Bruneau eine Quartett-Musikerin anpflaumt: „Immer schön dranbleiben!“

Rund 130 Vorstellungen absolviert Marmelock im Jahr, fährt 40 000 Kilometer, also einmal um die Erde herum, die Hälfte wird daheim gespielt, meistens in der Kulturbäckerei. Nächster Termin: Am 25. und 26. November lüften wiederum zwei pfiffige Ratten, die diesmal Eliot und Isabella heißen, „Das Geheimnis des Leuchtturms“.

Von Frank Füllgrabe