Samstag , 26. September 2020
Architektur und arbeitende Menschen: „Am Hafen von Riga, Kähne an der Düna“ (Pastell, Ausschnitt, 1943), eine typische Arbeit von Johannes Niemeyer. (Foto: ff)

Ein Maler zieht in den Krieg im Baltikum

Lüneburg. Als der Hamburger Johannes Niemeyer im Auftrag des Ostministeriums des Deutschen Reiches 1943 nach Estland und Lettland aufbrach, hatte er einen Auftrag: Es galt, der Bevölkerung der besetzten Gebiete die deutsche Kunst nahezubringen. Das klingt etwas martialisch, aber was der Maler nach vier Monaten wieder mit nach Hause an die Elbe brachte, war völlig unheroisch: keine kämpfenden Soldaten, sondern friedliche Pastelle von Land und Leuten, von Küsten und Städten.

Rund vierzig Arbeiten, fast durchweg Pastelle, zeigt nun das Ostpreußische Landesmuseum mit seiner Deutschbaltischen Abteilung in einer Sonderausstellung. Niemeyer hatte ein viermonatiges Stipendium bekommen, reiste, was am praktischsten war, mit Malkarton und Kreidestiften über das Land, um plein air, also unter freiem Himmel, zu malen und zu zeichnen. „Diese Stipendien sind noch ein weites Forschungsfeld“, so Kurator Dr. Eike Eckert. Unklar ist auch, warum nun ausgerechnet ein Hamburger, der zwei Söhne im Krieg verloren hatte, als Künstler in den Krieg zog.

Profiliertes Multitalent

Fest steht: Johannes Niemeyer, 1889 in Halle geboren, 1980 in Berlin gestorben, Sohn des Völkerrechtlers Theodor Niemeyer und Bruder des Malers Otto Niemeyer-Holstein, war ein profiliertes Multitalent. Nach dem Architekturstudium in München wirkte er 1921 bis 1924 als Professor an der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein, er war Architekt, Bildhauer, Raumausstatter, Designer und eben Maler. Das Bauhaus hat ihn umgetrieben, auf den Stadt- und Straßen-Bildern ist immer auch der Blick des Architekten spürbar.

Von den Kriegsgräueln ist auf den Bildern dagegen nichts zu erahnen, sie tragen Titel wie „Dom und orthodoxe Kirche in Reval“, „Mond und Bäume am Meer“ und „Am Hafen von Riga“. Niemeyer zeigt arbeitende Menschen in ihrer vertrauten Umgebung, Fischer beim Netzeflicken am Strand beispielsweise, ein Schwerpunkt liegt auf der spröden Schönheit der Insel Saaremaa (Ösel). Hier wurden die Arbeiten 2016 in einer Erstlingsausstellung rund um das Baltikum-Stipendium präsentiert. Es sind melancholische Szenarien in den sprichwörtlichen Pastellfarben und kamen nun als Leihgaben der Berliner Galerie Wannsee Verlag, in der Niemeyers malerischer Nachlass gepflegt wird, nach Lüneburg.

Zum Rahmenprogramm der Ausstellung „Johannes Niemeyer – Küsten und Städte, Bilder aus dem Baltikum“ gehört eine Kuratorenführung am Sonnabend um 11 Uhr. Das Thema „Kunst und Krieg wird auch weiterhin verfolgt, am 7. Februar spricht Anna Dziwetzki über „Bildende Künstler und die ‚Germanisierung‘ des Warthegaus von 1933 bis 1945“. Die Ausstellung selbst läuft bis 10. März, begleitend ist ein Katalog erschienen.

Von Frank Füllgrabe