Freitag , 7. August 2020
Alex Capus schreibt Geschichten, in denen Leser sich wohlfühlen. Foto: t&w

Idyll mit Milchkuh

Lüneburg. Alex Capus durchlebt eine Schrecksekunde. „Für einen Moment dachte ich, ich hätte meine Lesebrille nicht dabei. Sie ist aber doch da.“ Noch schlimmer war es letzte Woche. „Auf einer Lesung hatte ich nicht mein Buch unterm Arm, sondern das, was ich gerade lese.“ Auch dieses Problem konnte rechtzeitig gelöst werden. Die Marschrichtung des Abends in der Musikschule, in der der Schweizer Schriftsteller auf Lünebuch-Einladung sein aktuelles Buch „Königskinder“ vorstellte, war somit umrissen: Die rund 100 Zuhörer würden einen lockeren Leseabend erleben, getragen von Capus‘ trockenem Schweizer Humor.

Humor bietet auch der Roman. Es geht zwar um die Liebe eines Alpenhirten zu einer Bauerstochter gegen Ende des 18. Jahrhunderts, doch eingebettet ist diese Novelle in eine köstliche Rahmenhandlung, die in der Neuzeit spielt. Das ältere Ehepaar Max und Tina wird mit seinem Toyota Corolla auf dem Jaunpass eingeschneit und muss die ganze Nacht im Auto verbringen. Was liegt da näher, als die Zeit mit einer Geschichte totzuschlagen?

Die Geschichte von Jakob und Marie-Francoise

Max beginnt zu erzählen. Von dem 19-jährigen Jakob, der als Vollwaise hoch oben in den Bergen lebt und sich um eine Schar Milchkühe kümmert. Der unten im Tal, als er die Kühe zurückbringt, sich unsterblich in Marie-Francoise verliebt, und sie sich in ihn. Indes, der reiche Bauer will seine Tochter nicht an einen Trampel vergeben. Also ersinnt er eine perfide Idee: Er sorgt dafür, dass Jakob acht Jahre als Soldat am Ärmelkanal stationiert ist. Die Zeit wird der Liebe schon den Garaus machen. Doch es kommt anders. Am Ende finden die jungen Menschen zueinander und leben mit zwölf Milchkühen auf einem idyllischen Vorzeigebauernhof auf dem Landgut Montreuil, direkt vor den Augen der Königsfamilie, die mit einem Tross von 5000 Menschen das Versailler Schloss bewohnt – ein „riesiges schwarzes Scheißhaus“: Unzählige offene Kamine und Hunderttausende Kerzen haben den Komplex in Ruß gehüllt. Und in dem gerade mal vier Toiletten installiert sind.

Die ganze Nacht erzählt Max diese kuriose Geschichte, während seine Frau immer wieder feixend Gegenfragen stellt – wenn sie nicht gerade eingedöst ist. „Ich musste mir diese Rahmenhandlung ausdenken, denn niemand würde einem anderen stundenlang zuhören und von einer Geschichte genötigt werden wollen“, so Capus, der nur wenige Passagen aus dem Buch liest und stattdessen von seiner Recherche erzählt und davon, wie schwer es ist, den richtigen Ton zu treffen. „Das dauert so lange, wie es dauert. Das kann man nicht beschleunigen“.

Schreiben ohne Pathos, ohne Kitsch

Die Sympathie Capus‘ für seine Hauptfigur Jakob ist förmlich greifbar. „Acht Jahre war er von seiner Liebsten getrennt, beide wussten nicht, wie es dem anderen geht. Und dennoch warteten sie geduldig auf den Tag, an dem sie das Schicksal zusammenführt.“ Capus schreibt ohne Pathos, ohne Kitsch; er lässt den Vorabend der Französischen Revolution aufleben, verdeutlicht den krassen Gegensatz zwischen dem dreckigen Königshof und dem herrlich frischem Greyerzerland, das Jakob verlassen muss. Und das beste an der Geschichte ist: Sie ist wahr.

Von Thorsten Lustmann