Sonntag , 27. September 2020
Weg mit den Bandagen! Frankensteins Geschöpf (Pascal Houdus) macht sich auf den blutigen Weg. (Foto: Krafft Angerer)

Alles schön bunt hier

Hamburg. Der Börsen- und der Spielbericht vom Fußball, das Wetter sowieso, sie werden auf Wunsch von Textmaschinen geschrieben. Soweit ist das schon lange. Das Folgende allerdings ist hemmungslos subjektiv, mutmaßlich komplett irrational, jedenfalls unquantifizierbar und hoffentlich noch nicht in Algorithmen zu fassen. Obwohl es sich ja darum dreht, wie der Mensch sich zum Gott erhebt, und wie künstliche Intelligenz das Leben samt Fleisch und Blut vom Planeten fegen wird. Jan Bosse schraubt für seinen „Frankenstein/Homo Deus“-Abend im Thalia Theater das hundert Jahre alte Schauerstück von Mary Shelley und Yuval Noah Hararis „Homo Deus“-Aussicht zusammen. Die Idee ist attraktiv, das Ergebnis diffus: mal krachend scheiternd, mal mitreißend und unterm Strich leider banal.

Das Publikum wird aufgeteilt – blaue Gruppe, rote, grüne, gelbe – und zu verschiedenen Schauplätzen geführt. Einer beeindruckt: Hinterm Eisernen Vorhang hat Stèphane Laimè ein anatomisches Theater auf die Bühne gebaut. Auf dem Tisch liegt abgedeckt eine Mumie, eine Orgel orakelt Düsteres, und Frankenstein (Sebastian Zimmler) tritt auf wie Alice Cooper zur Horrorshow. Gehilfe Igor (Marie Löcker) setzt als Freak noch eins drauf. Das Monster (Pascal Houdus) schließlich röhrt und spuckt Blut, setzt sich auf den Schoß von Zuschauerinnen, bringt Igor um und tapert aus dem Raum. Damit ist ein Problem des Abends benannt: Bosse zieht das Thema immer wieder ins Absurde, in den Comic, ins reine Bilderspektakel. Im Getöse gehen viele Fragen verloren.

Die Putzfrau redet Tacheles

Manchmal beißen sie denn doch. Im Mittelrang hebt ein unberührt, aber freundlich dreinblickender Mann (Thomas Geiger) zum „Homo Deus“-Vortrag an. Aber die Putzfrau zieht den Stecker, sie muss hier jetzt saugen. Der Redner sackt zusammen, er ist ein Humanoide, so ein Mensch-Maschine-Hybrid. Die ganz irdische Putzfrau dagegen, das ist die wunderbare Karin Neuhäuser, rechnet schnodderig und gnadenlos mit den Aussichten auf die Künstliche Intelligenz ab. In ihrem Solo verstecken sich Zitate, etwa aus Hararis „Frankenstein-Prophezeiung“.

Weiter geht‘s ins Forschungslabor, in dem zwei Wissenschaftler (Paul Schröder, Jirka Zett) den einzigen Menschen suchen, der sich im Saal unter lauter Robotern versteckt. Die Szene mutiert zu schlechter Comedy, die Forscher wedeln prompt mit ihren Leuchtstofflampen, als wären sie Laserschwerte. Kann man drüber lachen. Vielleicht. Abgespult wird noch ein Science-Fiction-Film: „Im Menschen Reservat“, das aussieht wie die verfallende Welt um Tschernobyl. Dort ringen eine Frau, ein Terrorist und zwei Androiden ums Überleben.

Beim Wandern von Spielort zu Spielort tragen viele Besucher Fragezeichen auf der Stirn. Das Beste aber kommt ja noch: Überlebensgroß wird nach der Pause ein huldvoll lächelnder Dalai-Lama-Typ eingeblendet. Schmeichelnd verheißt er glückselige Zeiten, wenn der Mensch sich nur befreit von der Mühsal der Körperlichkeit. Wäre der Abend hier zu Ende, er hätte ein knackiges Ausrufezeichen mitgegeben.

Altrömisches Gelage auf LSD

Aber der Vorhang geht hoch, und der Alte erweist sich als Greis im Rollstuhl und Teil einer Szenerie, in der die posthumane Welt wie ein altrömisches Gelage auf LSD daherkommt. Das Debilen-Panoptikum lässt Aperçus zum Thema regnen, doch das Ganze will nirgendwo hin. Bei einer Kissenschlacht werden noch Federn gelassen, und wenn Pascal Houdus und Karin Neuhäuser wirklich anrührend Bachs „Komm süßer Tod“ anstimmen, dann ist nämlicher vielleicht gar keine so schlechte Aussicht.

Fazit: viel Spektakel, alles schön bunt hier. Das Team bekommt sättigenden Applaus.

Von Hans-Martin Koch