Sonntag , 25. Oktober 2020
Kathrin Mayr bei den Proben zu dem Stück über einen Mann und seine Angst vor dem Abstieg. Foto: t&w

Gefühlte Wahrheit

Lüneburg. Der größte Erfolg der Populisten von Trump bis Höcke ist das Aufweichen des Begriffs der Wahrheit. Gefühlte Wahrheit ersetzt Wissen, Behauptung erschlägt Differenzierung. Jetzt breitet ein Mann seine Schwarz-Weiß-Weltsicht im T.NT des Theaters aus. „Viel gut essen“ heißt das Stück von Sibylle Berg, in dem der Mann kocht, um Frau und Sohn zurückzugewinnen. Er gerät ins Räsonieren und drischt auf alles ein, was sich als Feindbild eignet: Frauen, Schwule, Migranten, Euro, Biogemüse. . .

Der Mann zählt eigentlich zum Mittelstand. Doch nun hat er Frau und Arbeit verloren und sogar die Wohnung droht zu teuer zu erden. Der Boden scheint ihm unter den Füßen weggerissen zu sein, die Angst vor dem Abstieg sitzt dem Mittvierziger im Nacken. Da platzen all die lang eingekastelten Ressentiments aus ihm heraus. Jan-Philip Walter Heinzel spielt den namenlos bleibenden Mann.

Sibylle Berg schrieb ihren Text 2014, „er ist brandaktuell“, sagt Kathrin Mayr, die Regisseurin. Die Sache mit der gefühlten Wahrheit wird dadurch deutlich, dass alles, was der Mann sagt, sehr persönlich ist. Er folgt einem Muster, das vielen bekannt sein dürfte: „Ich bin ein ganz normaler Bürger, aber. . .“

Clemens Mädge sorgt für den Soundtrack

„Seine private Befangenheit bringt ihn uns nah“, sagt Mayr, „aber er wird immer poröser.“ Sibylle Berg hat dramaturgisch effektvoll Störungen ins Stück geschrieben: Geräusche von außen, die den Tiraden Futter liefern. Clemens Mädge, Kulturförderpreisträger des Landkreises Lüneburg 2018, hat einen Soundtrack für das 90-Minuten-Stück geschrieben.

Mayr und Mädge arbeiten öfter zusammen, sie hat vor wenigen Wochen sein Kinderstück „Paula“ im Hamburger monsun theater inszeniert. Kathrin Mayr führt zum ersten Mal in Lüneburg Regie, eingeladen von Dramaturgin Hilke Bultmann, empfohlen von Martin Pfaff, der in Lüneburg gerade „Die Nibelungen“ in Szene gesetzt hat. Mayr lebt in Reinbek, hat in Hamburg studiert, zählt mit 34 Jahren noch zum Regienachwuchs, bringt aber schon eine Menge Erfahrung ein. Zum Beispiel war sie Assistentin von Christoph Schlingensief und seinem Operndorf Afrika. Oper, das wäre auch ein Thema, „aber noch nicht“. Wenn sie es sich denn einmal aussuchen könnte, „dann Wagner“. Jetzt aber geht es nicht um die Fülle des Klangs, sondern die Masse an aufplatzendem Hass.

Niederlagen machen verführbar

„Unser Monologmann ist der typische AfD-Wähler“, sagt die Regisseurin. Durch seine persönlichen Niederlagen wird er „verführbar durch Emotionen“. Zu dem zugespitzten Monolog stellt Sibylle Berg eine Art Chor, gespielt von einem oder von vielen. In Lüneburg übernimmt den Part einer – Gregor Müller. Für das Bühnen- und Kostümbild sorgt Hannah Petersen. Die Premiere ist ausverkauft.

Von Hans-Martin Koch