Freitag , 18. September 2020
Petros Markaris beleuchtet mit seinen Krimis um den Athener Kommissar Kostas Charitos ein Klima der Korruption. Foto: t&w

Kostas brummelt wieder

Lüneburg. Petros Markaris ist der große alte Mann des griechischen Krimis, überhaupt der griechischen Gegenwartsliteratur, und doch ist Griechenland nur seine „ sprachliche Heimat“. Markaris, 81 Jahre, bezeichnet Istanbul als seine Heimatstadt. Dort wuchs er auf. Seit ewigen Zeiten lebt er in Athen, verbunden fühlt er sich auch der deutschen Kultur. Markaris studierte in Wien und Stuttgart, übersetzte Brecht und gar „Faust I“ und „II“ ins Griechische. Jetzt kam der Schriftsteller mit „Drei Grazien“, seinem jüngsten Fall für Kostas Charitos, ins PKL zum Krimifestival.

Er habe zu Studienzeiten besser Deutsch als Griechisch gesprochen, erzählt Markaris. Aber in Wien beschloss der Sohn einer armenisch-griechischen Ehe dennoch, auf Griechisch zu schreiben. Zum Krimi kam er weit später – da war er fast 60. Seine erste Übersetzerin Michaela Prinzinger, eine Wienerin in Berlin, begleitet Markaris seither und führt auch durch den Abend. Prinzinger leistet auch mit dem Forum diablog.eu einen kulturellen Beitrag zur deutsch-griechischen Verständigung.

Immer wird leckeres Essen aufgetischt

Kostas Charitos, der brummelige Athener Kommissar, besitzt bei Lesern einen ähnlichen Status wie Brunetti in Venedig und Bruno in der Provence. Immer spielt das Privatleben mächtig in den Roman hinein, immer wird leckeres Essen aufgetischt. Charitos hat dazu ein paar Eigenschaften, die Markaris ihm ausgeliehen hat. Zum Beispiel liest der Kommissar privat nur Wörterbücher, und das hat Markaris in seinen Übersetzerzeiten ähnlich getan – fünf Jahre lang für „Faust“.

Ähnlich wie bei Donna Leon und Martin Walker spielen politische Themen in die Krimis von Markaris hinein. Er zeigt, wie tief die griechische Gesellschaft von Korruption und kurzsichtiger Bereicherung betroffen ist. „Drei Grazien“ führt in die Universität, ein Umfeld, das dem bodenständigen Charitos fremd ist. Aber zunächst macht er mit seiner Frau Adriani Urlaub in Epirus. In der Pension stoßen besagte „drei Grazien“ zum Ehepaar. Sie bleiben weit über den Urlaub hinaus der Familie – und dem Krimi – verbunden.

Zurück in Athen ermittelt Kostas Charitos zum Tod des Professors Rapsani, der für einen Ministerposten die Uni verließ. Zum Verhängnis wird dem hoffnungslos verfressenen Mann eine anonym gelieferte Torte. Es wird weitere Tote geben, und immer trifft es Professoren, die in die Politik wechselten.

Die Studierenden gucken in die Röhre

Ein aus den Fugen geratenes, unterfinanziertes Bildungssystem kritisiert Markaris. Denn die neuen Minister blockieren – wie im Krimi so im Leben – ihre Professurstellen, es gibt keine Nachrücker, die Studierenden gucken in die Röhre.

Das Unterhaltsame vergisst Markaris in dem nur langsam als Krimi in Fahrt kommenden Roman nicht. Familie, lähmende Polizeiarbeit, Karriere, Athens verstopfte Straßen – Charitos ackert auf vielen Feldern.

Schauspielerin Vanida Karun las drei Kapitel auf Deutsch und machte Lust aufs Ganze. Der Autor freut sich bei der Lesung über seine Gags, als höre er sie zum ersten Mal. Er wettert im Gespräch über die Rücksichtslosigkeit der Karrieremacher, wirft dann wieder mit Charme um sich und lässt Fragen auch mal an sich vorbeilaufen. Zum Glück kann Moderatorin Prinzinger aus ihrem Hintergrundwissen schöpfen. Kostas Charitos wird weiter durch Athener Sumpf waten, „Die Zeit der Heuchelei“ soll der nächste Markaris heißen.

Von Hans-Martin Koch

Krimifinale mit Jens Henrik Jensen

Oxen gibt niemals auf

Es gibt da so ein Raunen, dass geheime Kräfte unser Leben, auch DIE Medien steuern. Wer solch geheime Kräfte kennenlernen will, muss Krimi lesen und nach Norden schauen. Seit ziemlich alter Zeit regiert der Danehof heimlich Dänemark. Es ist ein ganz kleiner Kreis, der die wichtigen Leute im Land checkt, sie in sein Netzwerk zieht und subtil die Fäden der Macht spinnt. Wer nicht funktioniert, wer das System enttarnen könnte, wird eliminiert – es sieht immer aus wie ein Unfall. Opfer des anonym wirkenden Danehofs gibt es reichlich. Eines ist Niels Oxen – fast. Der Ex-Elitesoldat gilt als tot, überlebte aber einen Anschlag und kehrt zurück, um Rache zu üben. Das ist der Plot von Jens Hendrik Jensens Thriller „Oxen. Gefrorene Flammen“. Es ist der dritte, fast 600 Seiten fassende Oxen-Band des Dänen, der seine Geschichten schnell, direkt und actionreich erzählt. Im Zentrum stehen Menschen, die zu dicht ans Zentrum der Macht kommen und sich fast verbrennen. Dass die Filmrechte vergeben sind, wundert nicht. Jensen liest zum Finale des Lünebuch-Krimifestivals am Freitag, um 20 Uhr in der Ritterakademie. oc