Mittwoch , 28. Oktober 2020
Susanne Saygin wechselte vom Sachbuch- ins Krimi-Fach. Foto: t&w

Blick in einen dunklen Abgrund

Lüneburg. Das erschütternde Roma-Milieu, in das Susanne Saygins Debütroman „Feinde“ eintaucht, existiert in Deutschland wirklich. Als die promovierte Autorin, die heute am Geschichtswissenschaftlichen Institut der Berliner Humboldt-Universität arbeitet, noch in Köln studierte, lag ihre gerade noch bezahlbare Altbauwohnung in dem ehemaligen Arbeiter- und Industriestadtteil Ehrenfeld mit seinem hohen Anteil von Migranten.

Sie musste mit ansehen, wie das benachbarte Studentenheim verkauft wurde und zu einer total überbelegten, deshalb chaotisch verschmutzenden und wegen lautstarker Streitereien und Schlägereien unakzeptablen Unterkunft arbeitswilliger Roma-Dumpinglohnempfänger aus Bulgarien und Rumänien mutierte. Davon, wie sie gemeinsam mit ihrem Freund diese Wohnzustände anprangerte, wie sie nicht mehr ertragen konnte, dass die Stadt die Problematik bagatellisierte und ihr empfahl, wegzuziehen, und auch davon, wie sie schließlich ihre fünf Jahre dauernden Recherchen in ihrem Thriller verarbeitete, erzählte und las sie im bestens besuchten „mosaique“ – Haus der Kulturen im Rahmen des 9. Lüneburger Krimifestivals.

Ungeheuerliche Ereignisse sprechen für sich

Susanne Saygin, als Sachbuch-Autorin bekannt, ist eine eher nüchterne Leserin, der es darum geht, zu unterhalten, aber unter der Bedingung, dass die gesellschaftspolitisch brisante Substanz ihrer Nachforschungen die Oberhand behält. Um möglichst viele Leser zu erreichen, habe sie die Form des Romans gewählt. Sie habe in „Feinde“ versucht, den Tatsachen zu entsprechen und nicht zu werten. Die ungeheuerlichen Ereignisse sprechen für sich. Sie passieren in höchsten Kreisen: Korruption, illegale Prostitution und Menschenhandel, der Arme und pleite Gegangene rücksichtlos übervorteilt und auch den Einsatz brutaler Killer nicht scheut.

Susanne Saygins fiktive und doch Reales enthaltende Story hat vor allem dort ihren Ursprung, wo man mit Luxusbauten in Deutschland und Europa viel Geld macht. Dort sorgt man unter anderem dafür, dass Bulgarien und Rumänien die ärmsten Länder der EU bleiben, indem fruchtbare Ackerböden von ausländischen Konzernen aufgekauft und mithilfe moderner Maschinenparks bewirtschaftet werden. Saygin war selbst dort. Die verachteten, in überfüllten Ghettos zusammengepfercht gerade so überlebenden Roma waren früher meist Landarbeiter, nun werden sie in den Westen gelockt, wo sie kaum integriert, sondern nur projektbezogen beschäftigt und wieder zurückgeschickt werden. Nach außen hin, so erzählt in „Feinde“, sieht ihre Bezahlung legal aus, in Wirklichkeit werden sie von rechtsradikal orientierten organisierten Profitmachern wieder beraubt und bedroht. Wer sich wehrt oder gar zur Polizei geht, muss gar mit Ermordung rechnen. Auch Susanne Saygins wortkarger, charakterlich schwieriger, wie alle Romanfiguren Saygins lebensnah geschilderter Ermittler Can gerät in Gefahr.

Es gibt noch einen zweiten Erzählstrang

Can hat deutsch-türkische Wurzeln, wie die Autorin selbst, die als Arzttochter allerdings aus dem „Bildungs-Migrantentum“ stammt. Nach unvollendetem Studium und Kneipenjobs ging er zur Kölner Polizei, stieg zum Hauptkommissar auf und ist Teil eines Zweierteams. Seine Vorgesetzte Simone ist, wie er, ein Außenseiter-Typ. Das erfolgreichste Duo der Mordkommission verbeißt sich unter Fahndungsdruck in die Aufklärung zweier Doppelmorde und weiß bald: Dahinter verbirgt sich ein sehr weit über Köln hinaus reichender Pfuhl krimineller Verderbnis.

Doch es gibt noch einen zweiten Erzählstrang, der die Dramatik und das Spannungspotenzial des Krimis erhöht: Can hat eine platonische Freundin, mit der er seit Jahrzehnten in derselben WG wohnt, sie ist klug, cool und undurchsichtig. Was diese Beziehung zu bedeuten hat, klärt sich erst am Ende. Doch bleiben Fragen offen. Susanne Saygin wird einen zweiten Band schreiben.

Von Antje Amoneit