Samstag , 26. September 2020
Walter Kreye ist die Hörbuch-Stimme von Simenon. Foto: t&w

Kein Magenknurren im Studio

Lüneburg. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht die Zahl 75. So viele Romane hat Georges Simenon über den Pfeife rauchenden Kommissar Maigret geschrieben. An diesem Abend im Filmpalast liest der Schauspieler Walter Kreye im Rahmen des 9. Lüneburger Krimifestivals Ausschnitte aus zwei Maigret-Romanen. Die Werke des Viel- und Schnellschreibers Georges Simenon gelten als Klassiker des französischen Kriminalromans – und das, obwohl Simenon Belgier war.

Kommissar Maigret ist seine wohl bekannteste Figur. Instinkt und Intuition gehören zu dessen bevorzugten Ermittlungsmethoden, und statt auf hochkarätige Technik greift der Kommissar lieber auf seine Pfeifensammlung zurück. Die tatsächliche Aufklärung eines Falles interessiert ihn dabei weniger als die persönlichen Umstände von Täter und Opfer.

Feine Beobachtungen von Personen

In dieser Hinsicht haben der Kommissar und der Vorleser etwas gemeinsam. Denn obwohl Kreye bereits oft in Kriminalfilemen zu sehen war, etwa in diversen Folgen von „Der Alte“, interessiert er sich selten für die eigentliche Auflösung des Falls. Den Ermittlungsprozess und die psychologischen Profile der Figuren findet er spannender.

Es sind weder mörderische Hochspannung noch blutrünstige Mordszenarien, die Kreye seinem Publikum präsentiert, aber das erwarten die Krimiliebhaber im gut besetzten Kinosaal des Filmpalasts auch nicht. Stattdessen gibt es feine Beobachtungen von Personen, zwischenmenschliche Plänkeleien und genaue Beschreibungen französischer Landschaften. Letztere haben Kreye nach eigener Angabe zum verspäteten Frankophilen gemacht. Simenon bewundert er schon seit langem und ist selbst begeisterter Maigret-Leser. Der Anruf des Audioverlags und die Frage, ob Kreye alle Romane 75 Maigret- Krimis und die 28 Erzählungen um den Kommissar einlesen wolle, empfindet der Schauspieler als Glücksfall. Für ihn ist es ein Herzensprojekt.

Die Gemütlichkeit Maigrets kommt gut zum Ausdruck

Zwischen den Vorleseblöcken ist Zeit für Fragen. Kreye gibt bereitwillig Auskunft zur Bedeutung eines Regisseurs bei Hörbüchern oder zur Luftqualität im Tonstudio. Immer wieder streut er kleine Anekdoten ein, mit denen er seine Antworten ausschmückt. Während er etwa im Studio Texte einspricht, esse er nichts, höchstens eine Banane, damit sein Magen keine Geräusche macht, die die Aufnahmen beeinträchtigen könnten.

Bislang hat Kreye 12 von den 75 Maigret-Romanen eingelesen, der „Rest“ soll bis 2020 folgen. Aus „Maigrets Pfeife“ und „Maigret im Haus des Richters“ liest er an diesem Abend Ausschnitte vor. Es ist Simenons pointiertem Schreibstil und seiner scharfen Beobachtung zu verdanken, dass sich die auftretenden Figuren bereits nach wenigen Sätzen vor dem inneren Auge der Zuhörenden formen. Kreye liest eindrücklich und verleiht jeder Figur einen eigenen Charakter. Besonders die Gemütlichkeit Maigrets kommt gut zum Ausdruck.

Nach der zweiten Geschichte bleiben alle im Zuschauerraum sitzen. Als auch nach dem Applaus niemand Anstalten macht, aufzustehen, greift Walter Kreye eben zu einem Buch mit Erzählungen, das vor ihm auf dem Tisch liegt. Als Zugabe liest er eine kleine Geschichte über Simenon selbst vor.

Von Hannah Feiler