Sonntag , 27. September 2020
Bernhard Aichner kam, las und siegte in der Disco Garage bei seinem Beitrag zum Lüneburger Krimifestival. Foto: t&w

Der blutige Bernhard

Lüneburg. Die „Zeit“ nannte ihn mal die „Helene Fischer unter den Bestseller-Autoren“, und Bernhard Aichner ist sich wohl bis heute selbst nicht sicher, ob diese Titulierung als Lob oder als Verriss zu sehen ist. In jedem Fall schafft es der österreichische Erfolgsautor wie die deutsche Schlager-Queen, sein zahlreiches Publikum zu begeistern. Im Rahmen des Lüneburger Krimi-Festivals las der Tiroler in der „Garage“ aus seinem kürzlich erschienenen Thriller „Bösland“, der sich ebenfalls in den Bestsellerlisten tummelt.

Seit der ebenso erfolgreichen wie grandiosen „Totenfrau“-Trilogie spielt Bernhard Aichner in der Champions League der Krimi-Autoren. Und „Bösland“, ein abgeschlossener Roman, kann sich mit der Rache-Saga der „Totenfrau“ Blum durchaus messen. Erzählt wird die Geschichte zweier ungleicher Freunde im Pubertätsalter, von denen sich einer des Mordes an einem jungen Mädchen auf dem Dachboden (das Bösland) eines Hauses in einem österreichischen Dorf schuldig macht. 30 Jahre später treffen sich die Freunde von einst wieder – und der Mörder von damals tötet erneut.

Entsetzen über Kindesmisshandlung

„Bösland“ ist blutig, teilweise brutal. „Ich hatte einmal einen Albtraum, in dem ein 13-jähriger Junge ein Mädchen mit einem Golfschläger erschlägt“, erzählte Aichner zur eher ungewöhnlichen Entstehung seines Plots. Aber „Bösland“ ist auch geschickt komponiert und hat eine interessante psychologische Komponente, wird wie die Totenfrau, zu einer Rachegeschichte.

Aichner verarbeitet das Thema Kindesmisshandlung. Dafür recherchierte er länger in Kinder- und Jugendpsychiatrien und war entsetzt, „was Menschen ihren Kindern antun“. Der Österreicher schreibt atemlos – kurz, knapp, aber ungeheuer präzise, phasenweise im Drehbuch-Stil. Damit erzeugt er genau die Bilder im Kopf, die Krimi-Fans so lieben. Auch „Bösland“ hat absolute Pageturner-Qualitäten. Nicht zuletzt deshalb, weil Aichner die kurzen Kapitel abwechselnd in Prosa und Dialogform aneinanderreiht.

Lüneburg wird zum Schauplatz eines Mords

Die Ideen für seine Bücher findet er auf der Straße, indem er einfach genau hinsieht. „Ich bin ein leidenschaftlicher Beobachter“, sagt der frühere Fotograf, „wenn ich eine Frau in einem Café weinen sehen, frage ich mich: warum weint sie? Daraus kann eine Geschichte entstehen. Die besten Geschichten erzählt das Leben selbst.“

Egal welche Geschichte der „blutige Bernhard“ ersinnt, wichtig ist ihm das Happy-End. Das, soviel gab er nach den gelesenen Anfangskapiteln preis, gibt es auch in „Bösland“. Und voraussichtlich auch im nächsten Thriller, an dem er zurzeit schreibt.

„Ich bin im letzten Viertel des Romans und habe gerade jemanden in Lüneburg sterben lassen“, verriet er und schwärmte: „Lüneburg ist entzückend. Die zweitschönste Stadt der Welt, nach Innsbruck.“ Zumindest in Sachen Charme könnte er sich tatsächlich etwas von Helene Fischer abgeschaut haben. . .

Von Matthias Sobottka