Samstag , 26. September 2020
Friedrich von Mansberg und Henning Voss werden die Michaeliskirche mit Klang, Aktion und Licht zur Bühne machen. Foto: t&w

Das Schicksal schlägt zu

Lüneburg. Es ist so etwas wie ein Gegenbesuch, und Henning Voss freut sich: „Ich träume seit Jahren von einer szenischen Produktion in der Kirche.“ Jetzt passiert‘s. Fünfmal werden Kirche und Theater in St. Michaelis „Jephtha“ aufführen, ein dramatisches Oratorium von Georg Friedrich Händel. Michaelis-Kantor Henning Voss ist mit seinem Kammerchor dabei, das Theater mit seinen Symphonikern. Regie führt Friedrich von Mansberg, und Premiere ist am Freitag, 26. Oktober, 20 Uhr.

Gegenbesuch? Bei zwei sehr erfolgreichen Produktionen im Theater waren die Kirchenchöre von St. Johannis und St. Michaelis beteiligt: „Schlafes Bruder“ und „Carmina burana“. Nun geht es musikalisch in die Barockwelt. Händel schrieb „Jephtha“ 1752, es ist sein letztes großes Oratorium und zweifelsfrei eines seiner dramatischsten.

„Wir inszenieren den ganzen Raum mit Licht“

Die Geschichte stammt aus dem Alten Testament. Jephtha ist Heerführer des Volkes Israel im Kampf gegen die Ammoniter und legt ein durch und durch verhängnisvolles Gelübde ab: „Was zu meiner Haustür heraus mir entgegen gehet, wenn ich mit Frieden wiederkomme von den Kindern Ammon, das soll des HERRN sein, und will’s zum Brandopfer opfern“, heißt es in der Bibel. Jephtha siegt im Krieg, ihm eilt seine Tochter entgegen. Welcher Vater mordet sein Kind? „Jephtha“ wird zum Werk darüber, was Schicksal bedeutet und führt unter anderem zur Frage, was rechtens ist.

Friedrich von Mansberg hat „Jephtha“ in einer Inszenierung auf Kampnagel gesehen und ist seither vom Thema und seiner Dramatik fasziniert. Er hat „Jeph­tha“ bereits zweimal in Szene gesetzt, in Plön und Soest. „Es ist großartig, zuspitzbar, besitzt vom Inhalt her erstaunliche Wucht, gerade vor der Debatte um Leitkultur und den Umgang mit Fremdem.“

Die Herausforderung bei der Umsetzung liege darin, klare Bilder zu schaffen. „Wir inszenieren den ganzen Raum mit Licht.“ Wer einen der Plätze ergattert, der beim Umdrehen einen Blick auf die Orgel bietet, bekommt einen Extra-Effekt nicht nur für die Ohren, sondern auch für die Augen. Zentraler Blickfang wird vorn in der Kirche ein 4,80 Meter aufragendes Kreuz.

Kammerchor wird ohne Noten singen

Es sind die großen Chöre und hochemotionalen Arien, die „Jephtha“ musikalisch spannend machen. „Es gibt natürlich die großen, majestätischen Händel-Klänge, etwa machtvolle Fugen“, sagt Voss. Die Arien würden schon über den Barockcharakter hinaus auf die nächste musikalische Epoche verweisen, die Frühklassik, die von den Bach-Söhnen, dem jungen Mozart und dem Opernreformer Gluck geprägt wird.

Der Kammerchor wird ohne Noten singen und szenisch eingesetzt. „Das wird eine tolle Erfahrung“, sagt Voss. Natürlich laufen die musikalischen Proben seit Langem, aber erst in der kommenden Woche wird die konkrete Umsetzung einstudiert. Gesungen wird auf Englisch, auf zwei großen Leinwände werden die Texte ins Deutsche übertragen.

Sechs Solisten sind dabei: Vera Filipponi und Hedwig Voss (Sopran), Anne Bierwirth (Alt), Alex Potter (Altus), Michael Connaire (Tenor) und Holger Lorkowski (Bass). An der Orgel sitzt Daniel Stickan, um ins dramatische Geschehen einzugreifen.

Von Hans-Martin Koch