Sonntag , 27. September 2020
Dieter Glasmacher präsentiert die Afrika-Kunst des verstorbenen Künstlers Eduard Lenzen. Foto: ff

Realität wird überbewertet

Lüneburg. Wir wissen nicht viel über Eduard Lenzen, immerhin so viel: Sein Vater war ein deutscher Kolonialbeamter in Togo. Dort wurde auch der Sohn geboren, der so stark von der afrikanischen Kunst beeinflusst war, dass er sich bei der Rückkehr ins heimatliche Krefeld eine Hütte errichtete, die Wände über und über mit Malerei und Skizzen bedeckt. Eduard Lenzen starb früh, seine eigenartige Hüttenkunst blieb erhalten, eine rekonstruierte Wand ist jetzt in der Kulturbäckerei zu sehen.

Gar nicht wahr. Für den Maler und Keramiker Dieter Glasmacher (der mehrfach nach Afrika reiste) war der fiktive Lenzen ein Leitmotiv, um seine impulsive, spontane und aus vielen Quellen schöpfende Kunst zu kanalisieren. Die Ausstellung in der Kulturbäckerei gibt es allerdings wirklich, sie ist kuratiert von Manfred Besser, einem alten Weggefährten des Krefelders; Titel: „Gleiche und Ungleiche“.

Ein Pionier der Heintje-Forschung

Bei biographischen und sonstigen Angaben muss man bei Dieter Glasmacher immer ein bisschen vorsichtig sein. Bundesweit populär wurde er als Heintje-Forscher, gemeint ist der „Mama!“ singende Heintje Simon. Glasmacher präsentierte eine einzigartige Sammlung von Heintje-Memorabilien – Hemden, Taschentücher, Haarsträhnen, alles Fake, natürlich flog der Schwindel irgendwann auf, Glasmacher hatte ein Zeichen gegen Fankult setzen wollen, auch gegen die Auswüchse einer Kunst, die sich in der Spurensicherung verzettelt.

Comics, Cartoons, Graffiti, früher sagte man „Wand-Schmierereien“, „Kleckserei“ und „Sachbeschädigung“ dazu – Dieter Glasmacher hat daran seinen Spaß. Seine anarchistischen Arbeiten, egal ob groß wie eine Wand oder im kleinen Aquarell-Format, sind kraftvoll, grell, plakativ. Hingeworfene Notizen, mit schnellem Pinselstrich fixierte Schmerzensmänner, dämonische Gesichter, die mal wie Äffchern und mal wie Totenschädel aussehen, Fundstücke, Schlagzeilen, provokative Slogans wie „Die Realität wird überbewertet“ – es sind ebenfalls Sammlungen, Arbeiten aus fünfzig Jahren, die Glasmacher hier zeigt, und die sich zu neuen Zusammenhängen fügen, zu Assoziationsketten die auch mal ins Nichts führen. „Die Arbeiten von Dieter Glasmacher wehren sich hartnäckig dagegen, bis zum Ende ausrecherchiert zu werden“, schreibt Dr. Axel Feuß im Vorwort zum Katalog.

Gleiche und Ungleiche

Die gesicherten biographischen Daten: Dieter Glasmacher, 1940 in Krefeld geboren, absolvierte zunächst eine Ausbildung als Patroneur (Musterzeichner für Weberei), studierte Kunst in Hamburg und war später Professor an der Fachhochschule für Grafik-Design in Düsseldorf und für Angewandte Wissenschaften, Fachbereich Gestaltung, in Hamburg. Zu den Aufgaben des gern und ausführlich reisenden Sammlers und Künstlers gehört auch eine Gastdozentur an der Hochschule für Schöne Künste, Abidjan, Elfenbeinküste.

Von seinen Reisen nimmt Glasmacher natürlich auch Eindrücke von Ausbeutung und Ungerechtigkeit mit, seine Figuren sind meistens nackt und manchmal Monster. Dass es aber „der Künstler mit der Gesellschaftskritik nicht allzu verbissen nimmt“, das schrieb wiederum Dr. Axel Feuß. Über Näheres wird er auf der Vernissage sprechen, am Sonntag, 14. Oktober, 12.30 Uhr. „Gleiche und Ungleiche“ läuft bis zum 18. November.

Von Frank Füllgrabe