Freitag , 18. September 2020
Timur Vermes. Foto: phs

Am Vorabend der großen Hysterie

Lüneburg. Da ist er nun also live in Lüneburg, Autor und Journalist Timur Vermes, der mit seinem Erstling „Er ist wieder da“ wochenlang die Bestsellerlisten anführte. Zwei Millionen Bücher wurden verkauft, die Geschichte um den wiederauferstandenen Führer wurde in 47 Sprachen übersetzt, und verfilmt wurde sie natürlich auch. Jetzt war Timur Vermes Gast von LüneBuch in der Kulturbäckerei.

Gar nicht so leicht für den Autor, an den Erfolg anzuknüpfen, zumal mit dieser Geschichte: 150.000 Flüchtlinge aus Afrika machen sich aus einem Lager irgendwo jenseits der Sahara auf den Weg nach Europa. Mit dabei ist TV-Star Nadeche Hackenbusch, ein Engel der Entrechteten, jedenfalls im Privatfernsehen.

Die Zicke hat jede Menge Macken

In Wirklichkeit hat die Zicke natürlich jede Menge Macken, worin sie dem Fernsehteam, das für ihre Sendung zuständig ist, in nichts nachsteht. Ein hysterischer Charakter reiht sich an den nächsten: Falls es bei RTL und Pro Sieben am Set einer Daily Soap tatsächlich so zugeht, muss man den Leuten gratulieren, dass sie trotzdem immer noch etwas auf die Mattscheibe bringen. Eine Gemeinheit reiht sich in den Dialogen der TV Macher an die nächste, und als Astrid von Roell, eine echte Boulevard-Mieze des People Magazins „Evangeline“ dazustößt, wird es nicht besser.

In Deutschland laufen derweil die Vorbereitungen für eine Massenhysterie: 150.000 Flüchtlinge wollen Europa überfluten, da müssen die Politiker was tun. Ja, nur, dass die Herrschaften, die hier an den „Schalthebeln der Macht“ herumhantieren, keinen guten Eindruck machen. Während der Sitzung des zuständigen Staatssekretärs, denen der Leser beiwohnen darf, wird es beim Zuhören ein bisschen zäh. Letztlich entnimmt man dem Ganzen, dass die Herrschaften von BND, von Innen-und Außenministerium müde, erschöpft und ratlos sind.

Mediensatire trifft es eigentlich nicht so ganz

Natürlich, das ist Satire, aber andererseits doch wieder auch nicht so weit weg von unserer Wirklichkeit, dass wir es uns nicht vorstellen könnten. Timo Vermes selbst verkauft seine Geschichte nicht in erster Linie als Roman der Standardklasse: „Mediensatire trifft es eigentlich nicht so ganz. Es ist mehr eine Versuchsanordnung. Wir machen die Grenzen dicht, was passiert dann?“ Ja, was passiert? Vermutlich das, was beim letzten Mal auch passiert ist, nur diesmal eine Nummer größer. Mutti ist aus dem Kanzleramt weggemobbt, hatte sich ja auch in der letzten Flüchtlingskrise nach Meinung vieler nicht bewährt.

Nun also ein bayerischer CSU-Innenminister namens Loibel und seine Mannen: Das wird nicht besser, gewiss nicht. Das Problem an dem Buch ist, dass es zwar an einigen Stellen witzig ist, dass es jedoch auch ein Horrorszenario beschreibt. Es beschäftigt sich mit dem Totalversagen europäischer Außenpolitik, mit dem derzeit als bedauerlich empfundenen Zustand westlicher Demokratien und mit der Hilflosigkeit, der wir dieser Entwicklung ausgeliefert sind. Viele Versäumnisse und politische Ohnmachten haben uns an den Punkt geführt, den der Autor beschreibt. Kann man darüber lachen? Geschmackssache, vor allem, weil es offenbar Längen gibt im Roman. Nach der Lektüre des Buches sind alle unsere Sorgen noch da – nur die Politikverdrossenheit, die ist womöglich wieder ein Stück größer.

Von Elke Schneefuß