Nominiert für den Kindle Storyteller Award: Fantasy-Autorin Carola Meissl alias Karolyn Ciseau. (Foto: ff)

Unterwegs mit der Zeitenwanderin

Lüneburg. Die Studentin Alison hat sich für das Fach Zeitreise immatrikuliert. Das ist nicht nur graue Theorie, sondern auch aufregende Praxis, im Jahre 2062 kein Problem. Kleine Einschränkung: Die Zeitreisenden können nicht ins historische Geschehen eingreifen. Doch als diese unsichtbare Trennwand reißt, taumelt Alison von einem Abenteuer in das nächste. Das ist der Plot, mit dem Carola Meissl in schneller Folge fünf „Zeitenwanderer“-Romane schrieb. Nebenher entstanden noch zwei weitere Bücher. Jetzt wurde die junge Lüneburgerin für den Kindle Storyteller Award nominiert – unter mehr als 1200 Bewerbern, und sie hat nur zwei Konkurrenten.

Carola Meissl, Jahrgang 1986, gehört einer Generation junger Autor(inn)en an, die sich nicht mit dem langen Marsch durch die Verlage aufhalten mag. Statt Dutzende Manuskripte an die Lektoren zu verschicken und im Falle eines Erfolges lange auf die Veröffentlichung zu warten, publizieren sie lieber kurzentschlossen selbst und nutzen wie selbstverständlich alle Möglichkeiten, die das Internet bietet. Von der Werbung über die Leser-Kommunikation bis zum Verkauf, sogar die Werbetrailer werden am Bildschirm selbst gemacht.

Eine schöne Frau für den Biolehrer

Als Pseudonym wählte Carola Meissl das französische Wort für Meißel. Als Autorin heißt sie Karolyn Ciseau. Sie ist kein Neuling in der Welt der Literatur, studierte Germanistik und Philosophie, absolvierte ein Volontariat für Öffentlichkeitsarbeit bei der Niedersächsischen Sparkassenstiftung und arbeitete als freie Werbetexterin. Der Wunsch, Schriftstellerin zu werden, ist aber deutlich älter: „Meine erste Kurzgeschichte entstand aus der Überzeugung, mein Biolehrer bräuchte dringend eine Frau. Also dichtete ich dem korrekten, älteren Herrn eine romantische Französin an.“ Der Text gewann sogar bei einem Wettbewerb, „und von da an gab es für mich kein Halten mehr“. Ein zweiter Berufswunsch dagegen scheiterte: „Ich wollte als kleines Mädchen auch Springreiterin werden. Okay, man kann nicht alles haben.“

Der erste Zeitenwanderer-Roman erschien im Februar 2017, „die Geschichte war schon damals auf sieben Bände angelegt“. Das historische Irland, der französische Königshof, die Welt der Wikinger, das Holland des Malers Vermeer und das Venedig Casanovas, das sind die bisherigen Stationen von Alison, die sich in einen Unsterblichen verliebt hat, ihm durch Zeit und Raum folgt. Großräumig denken und Disziplin wahren – das ist bei einem so schnellen Output die erste Autorenpflicht. Morgens um 9 Uhr wird die Fan-Post erledigt. Dann bleibt die Autorin bis 18 Uhr am Schreibtisch. „Eine Blockade hatte ich bisher zum Glück nicht“ – und wenn es wirklich mal nicht weiter geht, dann hilft ein ein kleiner Frischluft-Bummel. Überhaupt: „Die Geschichten entwickle ich oft auf Spaziergängen mit meinem Mann“, sagt Carola Meissl. Erst wenn bis zum Ende alles durchgeplant ist, wird der erste Satz geschrieben.

Ohne Ordnung und Planung geht es nicht

Ordnung hält die Autorin auch im Arbeitszimmer: Es sieht eher aus wie eine Galerie, ein white cube, „kreatives Chaos ist nicht so mein Ding“. Einziger Farbtupfer: Eine Pinnwand mit Fantasy-Fotos, Ideengeber für die literarischen Schauplätze und Figuren. Nominiert ist Karolyn Ciseau mit „Das Blatt des dunklen Herzens“. Der Fantasy-Plot erinnert ein wenig an „Game of Thrones“: Alle fünfzig Jahre schicken vier mächtige Fürstenhäuser ihre ältesten Söhne in den Kampf um die Herrschaft.

Im klassischen Buchhandel sind die Ciseau-Romane nicht präsent, sie werden fast fast ausschließlich als eBook über das Web verkauft. Ausschlaggebend für den Kindle Storyteller Award ist die Beliebtheit, die sich unter anderem in Verkaufszahlen und Kundenbewertungen widerspiegelt. Richtig spannend wird es für Carola Meissl am Donnerstag, 11. Oktober, dann wird auf der Frankfurter Buchmesse der Sieger verkündet. Zu gewinnen sind 10 000 Euro, diverse Marketing-Leistungen, eine englische Übersetzung und die Möglichkeit, die Story als Hörbuch zu veröffentlichen. Der Werbefaktor dürfte so oder so groß sein, „von meinen Büchern leben“, sagt Carola Meissl, „kann ich schon jetzt.“

Von Frank Füllgrabe