Donnerstag , 29. Oktober 2020
Einige ihrer eindringlichen Skulpturen hat Anja Weinberg mit nach Lüneburg gebracht. Hier aber wird sie vor allem malen. Foto: t&w

Das Paradies kann ein Dschungel sein

Lüneburg. „Ich bin Bildhauerin. Ich bin zum Malen hier“. sagt Anja Weinberg. Sie kommt aus Wesel, einer Hansestadt am Rhein. „Ich liebe den Rhein“, sagt die Kün stlerin. Jetzt hat sie im Rote-Hahn-Stift das Hutzelhexenhäuschen der Uwe-Lüders-Stiftung bezogen und begnügt sich drei Monate mit der Ilmenau. Anja Weinberg legt als aktuelle Lüders-Stipendiatin los mit der Malerei, die ersten Bilder sind schnell vorzeigbar.

Die Malerei ist bei der 48-Jährigen ein Thema, seitdem sie sich als Autodidaktin die Kunst eroberte. 2001 bezog sie ein Atelier in der Zitadelle Wesel. In den vergangenen Jahren rückte dort die Bildhauerei ins Zentrum. Ob in Holz geschlagen oder ins Bild gesetzt, immer steht der Mensch im Mittelpunkt, aufrecht, stolz, würdevoll. Es gibt eine Serie von Skulpturen, da scheinen es alle Flüchtlinge zu sein, sie stehen auf Sockeln und beschauen die Welt, die ihnen eine fremde sein muss. Auf dem Fensterbrett des Atelierhauses stehen eindrucksvolle Beispiele.

Blumen, Blüten, Bäume

Der Blick ins Ungewisse ist auf den ersten Bildern, die in Lüneburg entstehen, wiederzutreffen. Nun sind es Kinder, die mittig platziert sind. Um sie herum Blumen, Blüten, Bäume – immer in angedeuteter Form. Es kann ein Paradies sein, in dem sie sich befinden oder aus dem sie hinausmüssen. Es kann bei der Dichte der Motive auch ein Dschungel sein. Die Bilder lassen sich in die Nähe der Idylle rücken oder ins Gegenteil. Ist es so etwas wie das innere Kind, mit dem sich Anja Weinberg befasst? Ist es das Erleben von Fremde? Jeder sieht, was er sieht.

„Ich liefere keine Interpretation“, sagt Anja Weinberg. Sie genießt es, sich nach längerer Zeit ganz auf die Bildermacherei einzulassen. Einlassen zu müssen. Denn die Werkstatt mit Kettensäge und Co. hätte hier ohnhein keinen Platz und und wäre gar nicht transportierbar. In Sachen Transport hatte Anja Weinberg Pech. Einen Tag vor der Fahrt nach Lüneburg wurde ihr Auto gestohlen. Freunde halfen. Das Auto ist wieder aufgetaucht, steht noch in Wesel.

Es geht nicht darum, einfach nur schöne Bilder zu malen

Sie hat ein Saxophon mitgebracht, im Hintergrund läuft Musik von Bill Evans. Jazz ist ihre Musik. Das intuitive Entscheiden, wohin die Reise geht, gehört zum Jazz. Über Intuition spricht sie auch, wenn es um ihre Bilder geht. Sie ziehen in die Tiefe. Das gelingt durch das gestaffelte Setzen von Ornamenten, die den Bildraum füllen. Der Bildgrund besteht aus geschichteten Stoffen, auf die Anja Weinberg einen Farbnebel sprüht. Dichte und Transparenz begegnen sich so.

Auf das Lüders-Stipendium wurde sie aufmerksam, als sie in Lübeck an einer Messe teilnahm. Sie bewarb sich bei der Kunststiftung – und bekam den Zuschlag. Einige Stipendiaten vor ihr schufen in erster Linie Aquarelle aus Stadt und Region. Das ist durchaus im Sinne des Erfinders. Aber das Stipendium ist längst von künstlerischer Breite geprägt. „Ich will nicht einfach nur schöne Bilder malen“, sagt Anja Weinberg, „sondern versuchen, der Kunst etwas hinzuzufügen, was es so nicht gibt.“

Ob sie diesem Anspruch Genüge leistet, wird wohl 2019 zu sehen sein. Dann bestückt sie voraussichtlich eine Ausstellung in der KulturBäckerei.

Von Hans-Martin Koch