Donnerstag , 24. September 2020
Auch die Geschichte der Deutschordensritter kündet von Schuld: Szene mit Raimund Becker-Wurzwallner, Birgit Becker, Patrick Breedow, Agnes Müller und Leif Scheele. Foto: t&w

Plädoyer für Menschlichkeit

Lüneburg. Einigkeit und Recht und Freiheit, offene Grenzen und freie Wirtschaft – Europa ist doch eigentlich eine gute Idee. Leider läuft es gerade nicht so gut. Die Briten wollen raus, ohne wirklich einen Plan zu haben, dafür wollen Scharen junger Männer rein, deren Familien viel Geld dafür ausgegeben haben.

„Europa verteidigen“ will der Regensburger Dramatiker Konstantin Küspert, Jahrgang 1982, er meint nicht die Grenzen, sondern das Ideal. Im Jahre 2016 uraufgeführt und natürlich von der Migrantendebatte befeuert, ist das Stück nun in der Kulturbäckerei zu sehen, gespielt vom Ensemble Theater zur weiten Welt.

Irrungen und Wirrungen der Völker

Die Szenencollage führt durch die Irrungen, Wirrungen der Völker dieses kleinen Kontinents, beginnend in der Antike: Der Karthager Hannibal stürmt auf Rom; Wikinger flüchten von Island nach Grönland, um dort erstmal die Eskimos abzumetzeln. Abendländische Ritter meinen, Jerusalem von den Ungläubigen befreien zu müssen, schicken auch mal Kinder los und erobern im Eifer des Gefechts gleich noch das zwar christliche, aber reiche Konstantinopel.

Leichen pflastern ihren Weg, auch das Deutsche Reich wird auf blutigem Boden gebaut: Der Kolonialismus, das Massaker an den Hereros, dann eher subtile Ausbeutung der Dritten Welt – aktuell beispielsweise durch Hedgefonds, die mit Wasser und Grundnahrungsmittel spekulieren und damit den Afrikanern die Lebensgrundlage nehmen: Es gibt viel Schuld und damit genug Gründe, den Opfern dieser Welt gegenüber tolerant zu sein.

Selbst die Skandinavier schotten sich ab

Stattdessen: Italienische Pa­trouillenboote, Österreich macht Kurz entschlossen die Grenzen dicht, und selbst die Skandinavier schotten sich ab. Dafür gibt es in dem Stück bildliche Szenen: Europe wird von Zeus entführt und vergewaltigt (eine herbe Szene), liegt am Ende ihrer Kraft auf dem Boden und soll nun wieder aufstehen.

Das ist alles schwerer Stoff, der zunächst betont leicht genommen wird: Es gibt nur zwanzig weiße Papphocker als Bausteine auf der Bühne, dazu wenige Kostümteile, die aus einem Karnevals-Fundus zu stammen scheinen, die Wikinger sehen aus wie in einem Asterix-Heft. Seifenblasen schweben und platzen wie Träume, die Szenen wechseln von der Komödie zu deklamatorischen Passagen, es gibt Wand-Projektionen und Musik zum Thema Europa. Es spielen Birgit Becker, Agnes Müller, Patrick Bredow, Leif Scheele und Raimund Becker Wurzwallner, der auch Regie führt.

Erhellende Schlaglichter

Das Problem: Hier spielt ein ziemlich gutes Ensemble ein ziemlich mittelmäßiges Stück. Zumindest für die geübten Theatergänger ist es reichlich vordergründig. Lehrer/innen der Fächer Geschichte beziehungsweise Werte und Normen können dagegen für ihren Unterricht noch einiges Material abgreifen.

Konstantin Küspert setzt erhellende Schlaglichter und bleibt doch bei der Gegenwart seltsam empathielos. Denn wer den Flüchtlingen im Geiste der Aufklärung vorurteilsfrei begegnen will, der muss die Probleme mit ihrer Herkunft erkennen. Familien, die sich finanziell ruinieren, um einen Schlepper zu bezahlen und damit ihre Söhne unter gnadenlosen Erfolgsdruck setzen, die wiederum mit grotesken Vorstellungen von Frauen und von Ehre in eine fremde Welt stolpern, von deren Verständnis für Gesellschaft sie keinen blassen Schimmer haben – nichts davon. So bleibt es im Finale bei einem durchaus ergreifenden, aber oberflächlichen Plädoyer für Menschlichkeit.

Von Frank Füllgrabe