Sonntag , 20. September 2020
Maja Lunde schildert in ihren Romanen, wie der Mensch seine Lebensgrundlagen zerstört. Foto: t&w

„Das passiert wirklich“

Lüneburg. Man könnte es tatsächlich für einen von langer Hand geplanten PR-Coup ihrer Eltern halten. Ausgerechnet eine Maja erzählt uns die „Geschichte der Bienen“. So heißt Maja Lundes Auftakt zu ihrem vierteiligen Roman-Zyklus über den Klimawandel, mit dem sie im vergangenen Jahr die internationalen Bestseller-Listen stürmte. Mit dieser leicht verdaulichen Anekdote stieg Moderatorin Antje Deistler in die Lesung der norwegischen Bestseller-Autorin ein, die im vollbesetzten Glockenhaus in der Veranstaltungsreihe „Grenzenlos“ auf Einladung von Literaturbüro und Lünebuch nun den zweiten Teil des Quartetts, „Die Geschichte des Wassers“, vorstellte.

Die „Biene Maja“, klärte Maja Lunde noch auf, sei in Norwegen längst nicht so bekannt wie zum Beispiel in Deutschland, und der Name Maja habe ihr speziell als Kind überhaupt nicht gefallen.

Flucht in die „Wasserländer“ im Norden

Dann aber wurde es ernster, denn Maja Lundes großes Thema Klimawandel ist eines der drängendsten Probleme unserer Zeit. Und den zweiten, quasi echten PR-Coup, liefert ihr ausgerechnet die Natur selbst. Denn ein passenderes Timing als diesen heißen, trockenen Sommer konnte es für die Veröffentlichung eines solchen Buches gar nicht geben. „Das ist mir unangenehm. Ich habe das Buch 2016/2017 geschrieben. Wenn ich geahnt hätte, was wir für einen Sommer bekommen, hätte ich die Handlungsorte weiter nach Norden verlegt und wäre zeitlich gar nicht so weit in die Zukunft gegangen“, erzählte Maja Lunde.

„Die Geschichte des Wassers“ erzählt in der Gegenwart von der 70-jährigen norwegischen Umweltaktivistin Signe, die sich voller Empörung über das Tun ihrer einst großen Liebe auf eine gefährliche Reise in einem Segelboot nach Frankreich macht. Und von dem jungen Franzosen David und seiner Tochter Lou, die im Jahr 2041 – Frankreich ist nach einer verheerende Dürre fast eine Wüste – nach einem Brand in ihrem Ort in Richtung der „Wasserländer“ nach Norden aufbrechen und dabei in einem Flüchtlingslager stranden. Dafür hat Lunde einige Monate in griechischen Flüchtlingscamps recherchiert.

Leider keine Fiktion

Die deutschen Textpassagen las die Schauspielerin Claudia Michelsen ebenso eindrücklich wie akzentuiert, was den inhaltlichen Wert der Lesung noch steigerte. Maja Lundes düstere Vision, was passiert, wenn das Trinkwasser knapp wird, ist eben mehr als eine Vision. „Fast alle Kriege, die wir zur Zeit erleben, sind auf Wassermangel zurückzuführen“, meint sie.

Auch das, was Menschen mit Wasser tun, um Energie zu gewinnen oder anderweitig Reibach zu machen, prangert die 43-jährige Mutter von drei Söhnen an. So wird in ihrem Buch Gletschereis abgetragen, um es als Eiswürfel zu Höchstpreisen an Superreiche zu verkaufen. Leider keine Fiktion. „Als ich das erstmals gelesen habe, habe ich gedacht: Nein, das ist zu verrückt. Aber das passiert wirklich, es ist aktuell Thema in Norwegen“, erzählt sie kopfschüttelnd. Das passiert wirklich – diese eindringliche Botschaft will sie transportieren: „Wir müssen vorbereitet sein und schnell Antworten finden.“

Sie macht komplexe Themen nachvollziehbar

Maja Lundes Erfolg liegt auch darin begründet, dass sie ein komplexes Thema durch Schicksale fein gezeichneter Charaktere für jeden erlebbar und nachvollziehbar macht, anstatt sich im Abstrakten zu verlieren. Zudem lässt sie dem Leser Raum für eigene Gedanken, erzählt nicht alles aus.

An Teil drei des Klima-Quartetts schreibt sie aktuell. Es geht, so viel verriet sie, um vom Aussterben bedrohte Tierarten und spielt in den Jahren 1881 in Russland, 1992 in der Mongolei und 2065 in Norwegen. Sie hoffe, dass das Buch im Herbst 2019 erscheinen könne. Worauf sie garantiert nicht hofft: ein weiterer unfreiwilliger PR-Coup der Natur. Den hat sie auch nicht nötig.

Von Matthias Sobottka