Freitag , 18. September 2020
Das Monster und sein Schöpfer (Viktor Rud), bewegt von drei Puppenspielern.

Der Schrei nach Liebe

Hamburg. Sie haben einen Käfig gebaut. Das Publikum sitzt drumherum, das Frankensteinorchester dahinter. Sie haben ein totenköpfiges Monster aus Gebein und Meta ll geschaffen, riesengroß. Drei Puppenspieler bewegen es, und über dem Orchester steht Catrin Striebeck und spricht das Monster, sie flüstert, haucht, zischt, keucht, greint und heult durch tiefste Seelenpein den endlosen Schrei nach Liebe. Vergeblich. 200 Jahre, nachdem die junge Mary Shelley ihren Schauerroman schrieb, bleibt „Frankenstein“ eine feste Größe im Kulturbetrieb, nun als „Gothic Opera“, als Uraufführung in der Kampnagelfabrik. Mancher Länglichkeit trotzend wird Jan Dvoráks Schöpfung ein satter Erfolg.

Der Hamburger Komponist hat auch den Text geschrieben und brachte ihn mit Regisseur und Filmemacher Philipp Stölz 2014 als Schauspiel in Basel auf die Bühne. In Tränen ausgebrochen seien die Menschen, sagt Stölzl. Nun, zum Weinen ist diese Produktion der Staatsoper auf Kampnagel nicht. Aber zum Staunen. Dvorák erzählt die Geschichte vom Wissenschaftler Viktor Frankenstein, der im Labor Gott spielt und aus Fleischlappen ein riesenhaftes, lebendes Geschöpf schafft, aus Perspektive dieser wirklich schaurig anzusehenden Gestalt.

Die Angst vor dem Anderen löst Hass aus

Das namenlose Geschöpf tritt ja nicht als Monster in die Welt, sondern in aller Unschuld, als Opfer menschlicher Hybris. Es eignet sich das Menschsein an und entwickelt Strategien, Zuneigung zu erfahren. Doch wo immer es sich zu erkennen gibt, löst es Schrecken und Gewalt aus. Die Angst vor dem Fremden, vor dem Anderen löst Hass und Ausgrenzung aus. Mary Shelley hat in ihren Roman Themen geschrieben, die unerwartet aktuell blieben. So, wie Dvorák und Stölzl die Geschichte aufziehen, wird „Frankenstein“ zur Psychogenese des Amoklaufs. Seelische Verkümmerung, Ablehnung, Aussichtslosigkeit schlagen um in Wut, Rache, Mord. Und bei allem Grausen des Geschehens lässt Catrin Striebeck die innere Not des Monsters, das wirklich eines wird, spüren.

Das Monster spricht, alle anderen singen. Dvorák lässt weite Teile im Parlando vortragen, also im Opern-Rap. Nur selten bricht der Gesang ins Dramatische aus. Die Musik ist immer dem Geschehen unterworfen. Zum kleinen Streichorchester kommen eine E-Gitarre, Schlagzeuger und ein Geräuschemacher, der Naturgewalten brausen lässt. Dvorák baut einen eigenwilligen, kleinteiligen Soundtrack, er unterstreicht das Geschehen rhythmisch, mit stürzenden Linien, melodiösen Wendungen, alles in sanfter Moderne. Die Musik, dirigiert von Johannes Harneit, drängt nicht in den Vordergrund, schiebt allem aber doch eine emotionale Tiefenströmung unter.

Die Geschichte des Viktor Frankenstein, von dem in der Vorlage alles ausgeht, tritt hier hinter der des Monsters zurück. Den durchknallenden Wissenschaftler, von Zweifel, Verdrängung und Selbstmitleid gemartert, singt Viktor Rud. Trotz derber Probenverletzung spielt er die Figur eines um sich kreisenden Mannes, der am Ende den Geist, den er rief, zunichte machen will und selbst zerbricht. Hier aber verliert der Abend einiges, als Viktor aus dem Eis gezogen wird und auf einem Forschungsschiff gepflegt wird. Stölzl packt immer noch eine Szene hinein – da wäre längst weniger mehr.

Die Frauen werden als leidende Opfer gezeigt

Die Frauen sind leidende Opfer, was in die Schauerromantik passt, auch wenn Mary Shelley ganz anders lebte. Aber das Dienstmädchen (Narea Son), zu Unrecht des Mordes bezichtigt, ergibt sich in den Tod auf dem Schafott. Viktors Braut Elisabeth (Andromahi Raptis) lässt sich auf fast schon zärtliche Weise vom Geschöpf töten – schwülstig ist‘s schon.

Dass nicht Sänger am Ende den größten Beifall bekommen, sondern Sprecherin Striebeck und die fantastischen Puppenspieler Christian Pfütze, Claudia Six und Zora Fröhlich, zeigt nur das Außergewöhnliche dieser Produktion. Sie ist noch am 23., 25. und 27. auf Kampnagel zu erleben.

Von Hans-Martin Koch