Mittwoch , 30. September 2020
Besonders die Zeit vor und nach der Reformation beleuchtet die Lüneburger Kunsthistorikerin in ihrem Buch über die Kunst der Altäre. (Foto: t&w)

Der Zeitgeist spielt mit

Lüneburg. Wer über christliche Kunst schreibt, stößt auf der einen Seite auf Leser, die extrem informiert sind. Das macht es nicht leicht. Gleichzeitig aber folgt Dr. Gisela Aye dem Anspruch, dass ihre Arbeiten über ein hohes Maß an Allgemeinverständlichkeit verfügen. Nur so kann sie den „interessierten Laien“ erreichen, was kunsthistorisch bedeutsam ist und zugleich Kirche verständlich macht. Der Spagat zwischen Wissenschaft und Vermittlung ist der Lüneburgerin bereits bei ihrem Buch über Taufbecken und Taufengel in Niedersachsen geglückt. Nun zog sie den Radius ihrer Forschung geographisch enger und arbeitete systematisch die Geschichte „Lüneburger Altäre“ auf.

Lange war Lüneburg eine reiche Stadt. Als Blütezeit von Salzhandel und Hanse lässt sich die Zeit vom 14. bis 16. Jahrhundert eingrenzen. Bürgerstolz drückt sich in bis heute erhaltenen repräsentativen Bauten aus, in stolzen Kirchen und prachtvoller Ausstattung. Aufwendig gestaltete Altarretabel, also hinter dem Altartisch aufgestellte Schauwände, spiegeln mit geschnitzten Figuren, auch mit Malerei, biblische Szenen. Figuren wurden je nach Mode der Zeit farbig oder golden gefasst, und um sie vor Ruß und Staub zu schützen, entstanden Flügelaltäre, deren Vorderseiten weniger kostbar gestaltet wurden.

Zentrum der Kirchenkunst

Es entwickelten sich Zentren von Kunsthandwerkern, die sich auf die Gestaltung der Altäre spezialisierten. „Es gab in Lüneburg ein Cluster“, sagt die Autorin. In der Altstadt, besonders Auf dem Meere, siedelten sich Schnitzer, Maler und Glaser an. Nachgewiesen sind etwa über mehrere Generationen Werkstätten der Familie Snitker. Belegt ist ein reger Austausch mit anderen Zentren der Kirchenkunst, es gab Musterbücher, um die Darstellung bestimmter Figuren zu vereinheitlichen.

Den Fokus ihrer Untersuchung legt die Kunsthistorikerin auf die Entstehung und Entwicklung der Altäre vor und nach der Reformation. Vereinfacht gesagt, war vieles, was vor der Reformation entstand, plötzlich nicht mehr gefragt. Heiligendarstellungen, Marienkrönungen passten nicht zum reformierten Glauben. Vieles wurde abgebaut, landete auf dem Dachboden, wurde verkauft, vielleicht verheizt.

In den Archiven ist wenig zu finden

Was Dr. Ayes Recherche weiter erschwerte: Die Archivlage ist schwierig. Wenige Zeugnisse wurden bewahrt, vor allem im Dreißigjährigen Krieg kam es zu Zerstörungen und Plünderungen. Die Kirchen wurde schnell wieder hergerichtet. Zum Lutherschen Glauben aber passten eher malerische Glaubensszenen. Das Bewusstsein für Tradition und Schätze der Vergangenheit wuchs erst langsam. Dazu kam, ähnlich wie bei Orgeln, dass Restaurierungen stark vom Zeitgeist abhingen. Der Ansatz, einen Originalzustand zu rekonstruieren, ist vergleichsweise jung.

Nach kurzen, informativen Kapiteln der Einführung führt die Reise an knapp 35 Orte. Natürlich sind die bekannten, immer neu analysierten Altäre dabei: die „Goldene Tafel“ aus St. Michaelis, die heute im Landesmuseum Hannover zu sehen ist, der Heiligenthaler Altar mit der möglicherweise frühesten Lüneburger Stadtansicht, zu sehen in St. Nicolai, der Lamberti-Altar, heute ebenfalls in St. Nicolai, der Altar in St. Johannis. Aufgebaut ist der eher lexikalische Teil chronologisch, so kommt nach der – wiederholt beraubten – Goldenen Tafel aus St. Michaelis aus dem frühen 11. Jahrhundert als zweites St. Marien Gudow. Dort steht ein Marien-Retabel aus dem Kloster Lüne aus der Zeit um 1410, der über verwandtschaftliche Beziehungen den Ort wechselte – auch das eine Folge der Reformation.

Konzentriert hat sich Dr. Aye auf funktionsfähige Altäre, die sicher aus Lüneburger Werkstätten stammen. So blieben andere bemerkenswerte Retabel aus der Region wie in Wichmannsburg außen vor. Aufgenommen sind auch Altäre, die im Museum Lüneburg bewahrt werden, und Beispiele, die in die Gegenwart führen – der Otto-Flath-Altar in Alt Garge, die katholische Kirche St. Marien in Lüneburg und die Lüneburger Kreuzkirche mit den Bildtafeln von Ingema Reuter und Gert Winner.

Buchvorstellung im Museum

Zu allen Altären sind überwiegend von Hajo Boldt aufgenommene Fotografien zu sehen. Das Buch „Lüneburger Altäre“ (184 Seiten) erschien im Regensburger Verlag Schnell + Steiner und kostet 27 Euro. Vorgestellt wird es am 13. Juni im Museum Lüneburg.

Von Hans-Martin Koch