Sonntag , 27. September 2020
Nichts und niemand kommt bei Christian Ehring ungeschoren davon. Foto: t&w

Der Traumflüchtling sagt ab

Lüneburg. Auf der Bühne stehen ein Flügel und ein Bistro-Tisch. Was fehlt, das weiß man nach dem zweieinhalbstündigen Programm: ein großer Spiegel. Denn den häl t Christian Ehring mit seinem Programm „Keine weiteren Fragen“ immer wieder dem Publikum im vollbesetzten Kulturforum und der Gesellschaft an sich vor. Sein Publikum nahm ihm das nicht übel. Der Extra3-Moderator und heute-Show-Comedian begeisterte mit einem ganz starken Stück Polit- und Gesellschaftssatire.

Ehring ist einer der scharfzüngigsten Kabarettisten Deutschlands. Den Beweis dafür trat er in Lüneburg an. Als dramaturgisch-thematische Klammer setzt er eine gutsituierte Mittelstandsfamilie mit Eigenheim am Rande der Stadt, die einen Flüchtling aufnehmen will. Schließlich ist die Einliegerwohnung frei geworden, nachdem man den Sohn zur Selbstfindung für ein Jahr in einen Slum nach Buenos Aires geschickt hat.

„Wenn es gelingt, so einem Jugendlichen ein echtes Lächeln ins Gesicht zu zaubern: Das ist eine Erfahrung, die trägst du in deinem Herzen“, sagen die Waisenkinder. „Egal was du später machst, wenn du Kindersoldat wirst, egal was du machst. Die trägst du mit.“ Damit ist schon einmal eine Duftmarke für den Abend gesetzt.

Was tun wir, wenn es drauf ankommt?

Nun ist also Platz im Haus, doch von der Idee seiner Frau, einen Flüchtling aufzunehmen, ist Ehrings Bühnen-Alter-Ego gar nicht so begeistert: „Das ist eine tolle Idee im Sinne von Idee. Aber es gibt Ideen, die sind als Ideen stark, verlieren aber, wenn man sie in die Tat umsetzt.“ Der Plot seiner Geschichte ist klar: Links-grün-wie-auch-immer-liberale Lippenbekenntnisse versus Realität. Was tun wir denn, wenn es wirklich darauf ankommt?

Willkommenskultur, ja, gerne, aber wehe, es wird konkret. Außerdem müsse man den Flüchtlingen Deutschland doch auch erklären. Das fange mit der Mülltrennung an und gehe bei sprachlichen Basics wie Lohnsteuerjahresausgleich oder Planfeststellungsverfahren weiter. „Einen Flüchtling aufnehmen, das ist so was von 2015. Und man muss sich auch darüber bewusst sein, dass die allerbesten wohl schon weg sind.“ Mehr als einmal bleibt einem das Lachen im Halse stecken.

Satirische Seitenhiebe auf Politik und Gesellschaft

Auch Politik müsse man schließlich den Flüchtlingen erklären. Als Vorlage dient Ehring eine Landeszeitung-Ausgabe vom Tage, die er genüsslich seziert. Unter diesem thematischen Dach findet sich für Ehring genug Platz für satirische Seitenhiebe auf Politik und Gesellschaft, bis die Rippen krachen: die Islam-Debatte der CSU („Seehofers subalterne Lakaien auf der debilen Treppe“), die AfD („Wie Hämorrhoidensalbe. . .“), Donald Trump („wenigstens müssen wir nie lesen, dass Angela Merkel 130.000 Euro an einen Pornostar zahlt“), die aktuelle Echo-Debatte, Sexismus, Gentrifzierung, Brexit – alle und alles bekommen einen mit.

Dabei spielt Ehring meisterhaft auf der ganzen Klaviatur des politischen Kabaretts: lakonisch-bissige Lieder, Brachialhumor, Ironie vom Feinsten und die nachdenklichen, leisen Töne. Sein schauspielerisches Talent lässt einen eintauchen in den „Cappucino-Belt am Rande der Stadt in Zentrumsnähe“. Und immer wieder ist da dieser Spiegel, den Ehring mit perfekter Selbstironie hochhält.

„Das Leben schreibt keine guten Geschichten“

Kernthema bleibt aber die Flüchtlingsproblematik. Und als nun endlich der „Traumflüchtling“ (freundlich, fließend deutsch sprechend, höflich, intelligent) gefunden ist und in die Einliegerwohnung einziehen soll, geschieht das Undenkbare: David aus Eritrea sagt ab. Lieber suche er sich selber etwas oder bleibe in der Flüchtlingsunterkunft. Eine Vorstadt-Welt bricht zusammen – und mit ihr sämtliche Wertvorstellungen.

„Das Leben schreibt keine guten Geschichten“, meint Ehrings Alter Ego. Ehring selbst schon, Fragen bleiben keine offen.

Von Matthias Sobottka